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Anita Maasgepostet am: 27 avril 2023

Leben in Gemeinschaft

Zusammen geht's leichter

Inspirierendes Wissen

Emma quietscht vor Vergnügen auf der Schaukel mitten auf dem autofreien Dorfplatz. Die anderen Steppkes rasen in Bobbycars um sie rum. Ein paar Bewohner stehen in der Abendsonne am kleinen Dorfladen, wo jeder verpackungsfrei einkaufen kann und sein Geld selbst in die Kasse legt. Die soziokratische Entscheidung über die nächsten Kulturveranstaltungen in der fünfzig Erwachsene und 12 Kinder umfassenden ›Gemeinschaft Sulzbrunn‹ im schönen Ostallgäu steht abends auf der Tagesordnung im Bewohnerplenum, bei der wie immer im Konsens entschieden wird.

Zweihundert Kilometer nördlich im Ökodorf ›Zukunftswerkstatt Schloss Tempelhof‹ strömen die Schüler und SchülerInnen aus der ›Freien Schule‹, die viele Familien in die Baden-Württembergische Hohenlohe gelockt hat. Der 150 Erwachsene und immer mehr Kinder zählende umfassende Tempelhof, bekannt als Ideenwerkstatt und für Aktivismus, beherbergt das Bundesbüro von ›Mehr Demokratie‹ und bietet ein weit gefächertes Programm sowohl zum ökologischen-kulturellen als auch zum inneren Wandel, Ganzheitlichkeit garantiert.

Dreihundert Kilometer weiter nord-westlich in der Kommune Niederkaufungen bei Kassel brummt die kooperative Ökonomie in 10 selbstverwalteten Handwerksbetrieben in einem sozialistischen Mikrokosmos. Hier lebt man mit einer gemeinsamen Kasse, in die alle einzahlen und aus der sie sich nach Bedarf und Rücksprache bedienen können.

Und nochmal fünfhundert Kilometer im Nordosten, im Lassaner Winkel an der Ostsee nahe der polnischen Grenze tummeln sich knapp 30 Menschen aus 5 Generationen in der Gemeinschaft Klein-Jasedow, die mit OYA eine eigene Zeitschrift und spannende Bücher zu alternativen Lebensformen und Wege in eine regenerative Zukunft herausgibt, eine eigene ›Akademie der heilenden Künste‹ betreibt und sich regelmäßig zum Meditieren und Musizieren trifft – aber auch aktiv gegen Pestizide kämpft.

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Bunte Lebensgemeinschaften haben Hochkonjunktur

Vier Beispiele von mittlerweile gut 20 großen und vielen Hundert kleineren ›intentionalen Gemeinschaften‹ in Deutschland – Knotenpunkte einer anderen Welt, die da verborgen abseits der Metropolen blüht. Dem offiziellen Zukunftstrend des ›Mainstream‹ läuft sie zuwider: Da ist die Rede von ›Globalisierung‹, während hier das Lokale trumpft. Da sprechen Soziologen von ›Individualisierung‹ und zunehmender Einsamkeit, während in solchen Subkulturen mit ›Wir-Prozessen‹ das neue Kollektiv erforscht wird. Und während sich draußen die religiösen Fundamentalisten gegenseitig bekriegen, leben hier Christen, Buddhisten, Moslems, Atheisten und Spirituelle aller Couleur in gelebter Vielfalt Tür an Tür. Immer öfter, denn fast jeden Monat kommt eine neugegründete Gemeinschaft dazu – Leben in alternativen Dörfern boomt.

Mit Karl Marx könnte man sagen, »da geht ein Gespenst um die Welt«. Aber kein bleiches, totes, angsteinflößendes. Nein! Ein buntes, höchst lebendiges und sehr ermutigendes. Mal nennt es sich »Ökodorf«, oder »alternatives Lebensmodell«, mal schlicht »Kommune«. Und es zeichnet ein ganz anderes Bild der möglichen Zukunft.

Denn der Traum vom heilen Lebensbiotop wird nicht länger nur geträumt. Überall in Deutschland tun sich Menschen in Gemeinschaften zusammen, um aus eigener Kraft damit zu beginnen, die Welt sozial, politisch, ökologisch, wirtschaftlich und kulturell zu verändern. Und es zeichnet ein ganz anderes Bild der möglichen Zukunft: statt Globalisierung und Wirtschaftskrieg regionales, kooperatives Wirtschaften, statt zunehmender Vereinzelung Rückkehr zum Leben in Verbundenheit, statt Sinnkrise kulturelle Vielfalt und persönliches Wachstum. Und statt bei der Ökokatastrophe mitzumachen die Möglichkeit, einen nachhaltigen Lebensstil mit weniger Konsum, gesunder Umwelt und Ernährung und hoher Lebensqualität mit zu entwickeln.

Die gelebten Alternativen zur krisengeschüttelten Industriegesellschaft wachsen überall auf der Welt. Hier nimmt man selbst in die Hand, wie man in Zukunft leben will. So wie man im Tempelhof auf freie Bildung, regenerative Landwirtschaft und mehr Demokratie setzt, werden im Allgäuer Sulzbrunn mit Symposien über eine ›Neue Kultur des Alterns‹ oder ›Aktivismus & Spiritualität‹ veranstaltet, um den gesellschaftlichen Wandel zu befördern. Durchaus anspruchsvolle Vorarbeiten für die Gesellschaft als Ganzes werden da thematisiert. Dabei wird nicht nur gelabert, sondern modellhaft vorgelebt. Die Erfahrungen mit der eigenen ›Energiewende‹ werden Grundlage der Wissensvermittlung. Die meisten Gemeinschaften bemühen sich um ökologische Selbstversorgung, viele organisieren sich als ›solidarische Landwirtschaft‹. Da macht jedes Öko-Dorf etwas anderes, alle aber wollen ein kleines Modell sein. Keines beansprucht den ›Stein der Weisen‹, alle ringen und experimentieren. Vielfalt ist Trumpf. Auch in den Seminarhäusern, wo man dann von den Alternativen lernen kann.

Ökonomische und ökologische Alternativen leben

»Anders leben, anders wirtschaften« ist längst auch in der etablierten Politik zu einem beliebten Slogan geworden. Doch in der Regel bleibt es bei den schönen Worten. Da wird von »nachhaltiger Wirtschaft« gesprochen, während der Rohstoffverbrauch steigt, der »Abbau der Müllberge« beschworen und händeringend nach neuen Deponien gesucht. Da redet alles von »ökologischer Marktwirtschaft« und doch will jeder so weiter machen wie bisher. Da schreiben sich alle Parteien den Schutz der Familie als Keimzelle menschlicher Gemeinschaft auf ihre Fahnen, während die Scheidungsraten ins Astronomische steigen, Singles die Städte besiedeln und Familien mit Kindern immer öfter bei der Sozialhilfe landen. Die Gründe dafür, dass Menschen nach sozialen, ökonomischen und ökologischen Alternativen suchen, sind so bunt und vielfältig, wie die Mängelliste der modernen Industriegesellschaft.

Doch es ist nicht nur die Sinnsuche oder der Traum von der herrschaftsfreien Gegenkultur, der immer mehr Menschen aus der kollektiven Einsamkeit der Wohnsilos und Reihenhaus-Siedlungen treibt und nach neuen Formen von Gemeinschaft suchen lässt. Es sind Träume von Gleichheit und Gerechtigkeit, von freier persönlicher Entfaltung, vom Spaß am selbstbestimmten Zusammen-Arbeiten. Es ist der bewusste Ausstieg aus einer Welt, die auf Konkurrenz und Hierarchie basiert und der unsichere Einstieg in ein soziales Experiment, wo auf Kooperation, Vertrauen und menschliche Heimat gesetzt wird. Es ist der Versuch, im Kleinen das zu erschaffen, was im Großen immer noch misslingt.

Das ist bei explodierenden Immobilienpreisen alles andere als einfach, geht leichter auf dem Land als in der Stadt, im Osten eher als im Westen. Alter Baubestand – ob betagte Kurhotels wie in Sulzbrunn, unmodern gewordene Pflege-Einrichtungen wie im Tempelhof, verlassene Höfe wie in Sieben Linden, alte Arbeiter-Siedlungen wie im Lebensgarten Steyerberg oder maroder Altbau wie in Niederkaufungen werden gemeinsam gekauft und wieder hergerichtet. Das geht meistens nur als Genossenschaft, wo Bewohner beim Einstieg bis zu 30.000 Euro hinlegen um den Kauf zu finanzieren, dafür aber billig an gemeinschaftliches Eigentum kommen und fortan wenig Miete zahlen. Manch kleinere Projekte werden auch über Stiftungen finanziert oder sind über Fundraising entstanden.

Weltweit entstehen Basisgemeinden für eine andere Zukunft

Dreitausend solcher Dörfer gibt es im europäischen Ökodorf-Netzwerk, dazu Zehntausende von kleineren Gemeinschaften in fast allen Ländern der Welt. In Deutschland sind mittlerweile 23 im ›Global Eco-Village‹-Netzwerk registriert – aber es gibt über hundert andere derartige Initiativen. Sie experimentieren mit sozialen Solidarsystemen, Geschenk-Ökonomien, Land in Allmende-Nutzung, neuen Konfliktlösungsmodellen, anderen Formen von Beziehung jenseits der Kleinfamilie, ökologischem Anbau und sparsamer Energienutzung. Alles Forschungsbereiche, wo die Gesellschaft als Ganzes dringend neue Antworten braucht. Gemeinschaften versuchen also keine Schönheitsreparaturen am Bestehenden, sondern wirklich andere Entwürfe, die möglichst einer Zukunft genügen sollen, die wir ja noch gar nicht kennen.

Die Ideale von Gemeinschaftsleben sind uralt. Vom Thomas-Evangelium bis heute hat es sie immer gegeben. Dahinter steht die Suche nach dem vollständigen Menschen, der mit dem Leben zurechtkommt und weder die Natur noch seine Mitmenschen schädigt. Vor 2.000 Jahren haben die frühen Christen in ›Urgemeinden‹ versucht, gemeinsam nach neuen Werten zu leben, weil das Alte nicht mehr ging. Wandlungszeiten damals wie heute. Und da verstehen sich die Ökodörfer und alternativen Gemeinschaften durchaus als ›Basisgemeinden für eine andere Zukunft‹. Sie wissen, dass es kein Leben außerhalb des Gesellschaftssystems gibt, aber dass Freiräume kreativ genutzt werden können. Statt die ganze Welt retten zu wollen, probieren sie aus, was nahe liegt und gut tut. Daraus entstehen immer wieder Lösungen, die auch außerhalb der Ökodorf-Nische relevant werden. Strohballen-Architektur, Car-Sharing, Mediation und solidarische Landwirtschaft gehören dazu. Ob gemeinsame Kasse oder geteiltes Auto, Konsensentscheidungen oder religiöse Vielfalt, Leben ohne Hierarchie und arbeiten ohne Chefs – alternative Lebensgemeinschaften haben dem Rest der Welt zeigen können, dass vieles von dem, was man nie für möglich hielt, tatsächlich funktioniert. Nicht immer einfach, aber doch machbar.

Heilung der Böden und der Gesellschaft

Nachhaltigkeit, auch das ist eine Lehre aus dem Gemeinschaftsleben, heißt weit mehr, als Kompostklos bauen und mit Regenwasser spülen. Nachhaltigkeit heißt, die eigenen Wertmaßstäbe ändern, heißt anders in der Welt sein, heißt die Schöpfung neu wahrnehmen. Nachhaltigkeit heißt, aus einer konkurrierenden Rechthabergesellschaft aussteigen, dem Geld nicht mehr so viel Macht geben und stattdessen mehr nach Glück suchen. Zusammen geht’s leichter. Dann bleibt die Nachhaltigkeit auch nicht beim ›Erhalten‹ alter Strukturen hängen, sondern wirkt innovativ und regenerativ: versucht Heilung der Böden, einen Aufbau gesunder sozialer Strukturen und kooperativer Arbeitsmodelle.

Leben in Gemeinschaft: Ein soziales Modell, das bei vielen Menschen tiefe Sehnsüchte weckt. Eine Vision, die belastet ist mit rosaroten Träumen und falschen Erwartungen. Aber auch eine Zukunftswerkstatt, die Modell sein kann für den Rest der Gesellschaft.

Dieser Artikel von Geseko von Lüpke ist Teil des Maas Magazins No. 20 AUFBRUCH - Wie wollen wir leben? Los geht's mit frischen Ideen für eine neue Zukunft. 100 Seiten voller Aufbruch nachhaltig gedruckt oder als ePaper digital lesbar.

Geseko von Lüpke, Journalist, ist internationaler Netzwerker von Zukunftsprojekten und Seminarleiter tiefenökologischer Prozesse (Work that reconnects). Er lebt selbst in der Gemeinschaft Sulzbrunn und ist dort Initiator der ›Sulzbrunner Symposien‹. Seit 20 Jahren leitet er Visionssuchen.
www.frei-verbunden-sein.de
www.gemeinschaft-sulzbrunn.de

www.ecovillage.org

Online-Quellen & weiterführende Links

www.frei-verbunden-sein.de www.gemeinschaft-sulzbrunn.de www.ecovillage.org https://maas-mag.de/produkt/no-20-aufbruch/

Literaturempfehlungen

Politik des Herzens - Geseko von Lüpke

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