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Anita Maasgepostet am: 04 mai 2023

Die Wüste begrünen

Wie Visionen Wirklichkeit werden und aus dem Nichts fruchtbare Gemeinschaften entstehen

Vorzeigeprojekt

Nach rund vierstündiger Fahrt durch vielschichtige Wüstenlandschaften erblickt das Auge am Horizont erste Schemen einer Siedlung. Etwa 370 Kilometer südwestlich der ägyptischen Hauptstadt Kairo liegt die Al-Bahariyya Oase. Aus einem Dorf mit ein paar Dutzend Seelen ist in den vergangenen Jahrzehnten eine, für deutsche Verhältnisse, Kleinstadt mit rund 40.000 Einwohnern gewachsen. Umgeben von endlos scheinender Wüste leben die Bewohner der Oasen-Dörfer vor allem vom Bewirtschaften der Dattelpalmen, Oliven- und Obstbäume. 

Ist das Dorf durchquert, erreicht man über Sandpisten einen Grüngürtel aus Bäumen und Büschen. Das ist die Umrandung der SEKEM-Wahat-Farm, einem über 1.000 Hektar großen Gebiet, das zu über 80 Prozent aus Wüste besteht. Die Ruhe und Weite der Fläche lassen einen zunächst kaum glauben, dass hier überhaupt Menschen leben. Doch der Schein trügt, denn im scheinbaren Nichts wachsen nicht nur langsam die grünen Flächen, sondern auch die Häuser und BewohnerInnen. Kleine Wohnunterkünfte, eine Cafeteria, eine Erste-Hilfe-Station und einen Schulraum gibt es hier mittlerweile. Und – man traut seinen Augen kaum – in den Wüstensand hineingeformt zeigt sich seit Kurzem ein offenes Amphitheater. Aber was hat ein Theater in der Wüste zu suchen? Warum gibt es auf der Farm eine eigene Schule? Und warum wird auf dem unfruchtbaren Boden überhaupt Landwirtschaft betrieben?

Ein ganzheitlicher Ansatz zur nachhaltigen Entwicklung

Wer schon einmal von der SEKEM Initiative in Ägypten gehört hat, wird sich einen Teil der Antworten denken können. SEKEM ist vor 44 Jahren ebenfalls auf trockenem Wüstenboden entstanden und vereint heute eine lebendig miteinander lebende und lernende Gemeinschaft aus rund 1.500 Mitgliedern, aus SchülerInnen, LehrerInnen sowie Feld- und FirmenmitarbeiterInnen. Das Anliegen der Gemeinschaft ist es, zu einer nachhaltigen Entwicklung ihres Landes beizutragen, indem die 4 Bereiche Natur, Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft gleichermaßen mit einem ganzheitlichen Ansatz gefördert werden.

Diese Vision stammt von SEKEM-Gründer Ibrahim Abouleish (1937–2017), der eine allumfassende Entwicklung seines Heimatlandes anstrebte, nachdem er 20 Jahre in Europa gelebt hatte und plötzlich die vielen Herausforderungen in Ägypten mit anderen Augen sah. Für ihn und die SEKEM-Gemeinschaft scheint dies in erster Linie durch die Förderung individueller menschlicher Potentialentfaltung realisierbar. Diesem Anliegen wiederum müssen Umwelt, Wirtschaft und Gesellschaft dienen. SEKEM hat seit 1977 2.000 Hektar Wüste mit biologisch-dynamischen Landwirtschaftsmethoden urbar gemacht. Die Felderzeugnisse werden in eigens gegründeten Unternehmen zu hochwertigen Bio-Lebensmitteln und -Textilien verarbeitet und vor allem lokal, aber auch auf internationalen Märkten vertrieben.

Und mit dem Gewinn der wirtschaftlichen Aktivität finanziert SEKEM Schulen für Kinder und Jugendliche und medizinische Versorgung für die Menschen aus der Umgebung. Auch die persönliche Entwicklung der MitarbeiterInnen wird über kulturelle Angebote unterstützt und es wird Forschung finanziert. Unter der Schirmherrschaft SEKEMs ist außerdem die Heliopolis Universität gegründet worden, an der aktuell knapp 3.000 Studierende in fünf Studiengängen nicht nur in ihrem Fachgebiet ausbildet werden, sondern auch in der Entwicklung ihrer Kreativität, ihres Innovationsvermögens oder ihrem Sinn für soziale Verantwortung unterstützt werden. Für diesen ganzheitlichen Beitrag zu einer nachhaltigen Verbesserung der Lebensbedingungen in Ägypten wurde SEKEM mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem alternativen Nobelpreis (Right Livelihood Award) und gilt weithin als Vorzeigemodell.

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Mit den Erfahrungen die breite Masse inspirieren

Doch zu den Erfolgsrezepten SEKEMs zählen vor allem die stetige Fortentwicklung, das immer wieder aufs Neue Hinterfragen von alten Mustern, das Willkommenheißen von Herausforderungen als beste Voraussetzung für Entwicklung und der Aufbruch in neue Bereiche mit neuen Zielen, Hürden und Chancen. So hat die SEKEM-Gemeinschaft zum 40-jährigen Jubiläum eine Zukunftsvision für die kommenden 40 Jahre entworfen.

Angelehnt an die Ursprungsvision hat sich SEKEMin den vier Bereichen Umwelt, Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft ambitionierte Ziele gesetzt, die einen Wandel in Ägypten mitgestalten sollen. Dabei will SEKEM nicht selber weiterwachsen, sondern die Erfahrung der vergangenen Jahrzehnte als konkrete Prototypen und Inspirationen so verbreiten, dass sie eine breite Masse erreichen und weitflächig wirksam werden können.

In diesem Zusammenhang steht auch das eingangs erwähnte Amphitheater in der Wüste. Das Theater steht nicht nur sinnbildlich für die große Bedeutung, die SEKEM Kunst und Kultur für eine nachhaltige Entwicklung zumisst, sondern ist auch ein konkretes und erprobtes Modell. Auf der Mutterfarm wurde vor vielen Jahren ein ähnlicher Veranstaltungsort errichtet, an dem jährlich zweimal große Feste stattfinden mit allen Gemeinschaftsmitgliedern und einem bunten Bühnenprogramm.

SchülerInnen, LehrerInnen, Bauern und MitarbeiterInnen selber gestalten das Programm. Aber auch Gäste von außerhalb sind willkommen und aktiv, um einen Austausch zwischen den Kulturen zu fördern. Es wird gesungen, musiziert, getanzt oder Theater gespielt; es werden aber auch die Jubiläen der Gemeinschaftsmitglieder gewürdigt und die Zukunftsziele thematisiert. So ist das Theater nicht nur ein Ort der Kunst, sondern bietet auch Raum für Gemeinschaftsentwicklung.

Auf der neuen Wahat-Farm in der Wüsten-Oase werden zu den Veranstaltungen im Amphitheater auch die Dorfbewohner aus der Umgebung eingeladen. Das fast noch unberührte Land soll zwar für Gemeinschaftsentwicklung, inspiriert durch die SEKEM-Vision, zur Verfügung stehen, aber die Freiheit bieten, dass sich hier individuelle Strukturen bilden können, entsprechend der natürlichen Umgebung und dem Potenzial, das die Menschen mitbringen. So ist das Amphitheater in der Wüste ein ebenso wichtiges Instrument für die nachhaltige Wüstenbegrünung wie die konkrete Bepflanzung und Urbarmachung des Bodens. Ähnlich steht es um die Schule. In der Vergangenheit haben auf der Wüstenfarm die Bauern und Feldarbeiter gelebt, die das Land bestellen.

Nun ziehen nach und nach Familien auf das SEKEM-Gelände. Die Kinder sollen nicht auf staatliche Schulen angewiesen sein, sondern von einem ganzheitlichen Bildungsansatz profitieren, der sie als Individuen berücksichtigt und fördert. Auch dies ist ein seit Jahrzehnten erprobtes Modell der SEKEM-Mutterfarm. In Wahat werden Grundvoraussetzungen, wie Räumlichkeiten und Lehrpersonal zur Verfügung gestellt. Wie genau sich das Schulmodell allerdings am besten für die ganzheitliche Entwicklung der Wüsten-Gemeinschaft bilden wird, ist eine Frage der Zeit und des natürlichen Potenzials der Umgebung. Weitere Kultur-Aktivitäten sind in Planung. Studierende der Heliopolis Universität werden Praxissemester in der Wüste verbringen und forschen. Es soll ein eigener Campus entstehen, an dem zu Themen wie nachhaltige Landwirtschaft, aber auch Gemeinschaftsbildung oder Kulturentwicklung geforscht wird.

Warum die Wüste begrünen?

Nun stellt sich noch die grundlegende Frage: Warum überhaupt Wüste begrünen? Warum versuchen, aus dem Nichts alles neu zu erschaffen? In Ägypten gibt es dafür viele gute Gründe. Weniger als 5 Prozent der Landesfläche ist auf natürliche Weise fruchtbar. Die Bevölkerung wächst rasant an – es fehlt nicht nur an Wohnraum, sondern vor allem an Fläche, um ausreichend Lebensmittel produzieren zu können. Hinzu kommt, dass die wenigen urbar gemachten Böden durch viel zu intensive konventionelle Landwirtschaft und Umweltverschmutzungen regelrecht zerstört werden. Die Wüste bietet unberührte Natur, frische Böden und klare Luft. Außerdem hat SEKEM durch langjährige Forschungen feststellen können, dass die biologisch-dynamische Landwirtschaft die beste Methode ist, um Wüste nachhaltig urbar zu machen, zum Beispiel durch den viel geringeren Wasserbedarf als in der konventionellen Wüsten-Agrarkultur. Und das ist sogar mit bloßem Auge sichtbar.

Nachdem SEKEM (unterstützt durch Crowdfunding) in der Lage war, viele weitere Hektar (aktuell rund 260) Wüste zu bepflanzen, zu bewässern und zu pflegen, wachsen die grünen Flächen von Tag zu Tag. Es sprießen Kräuter und Bäume in die Höhe. Die meiste Energie wird durch die Kraft der Sonne erzeugt. SEKEM will die Wahat-Farm in Kürze komplett mit erneuerbaren Energien betreiben – dazu ist die Wüste prädestiniert und Solar-Strom beispielsweise ist hier auch heute schon wirtschaftlich lukrativer als die Nutzung von fossilen Brennstoffen.

Die unberührte Wüste, das Nichts, bietet also großes Potenzial für einen Aufbruch zu etwas Neuem. Kultur und Menschen tragen das große Potenzial in sich, aus dem Nichts etwas Kreatives und Innovatives zu erschaffen, was im Endeffekt Fortschritt bedeutet. So können nicht nur die Gemeinschaft und die Gesellschaft kultiviert werden, sondern auch die Natur – so kann wieder eine wirkliche Agri-Kultur gepflegt werden, die uns vollwertig nährt und unsere Natur als Lebens- und Entwicklungsgrundlage allen Seins versteht, pflegt und mit ihr interagiert. Dazu möchte SEKEM mit seiner Geschichte inspirieren und wagt auf der Wüsten-Farm in der Oase Al-Bahariyya einen neuen Anfang.

Dieser Artikel über das Projekt SEKEM ist Teil des Maas Magazins No. 20 AUFBRUCH - Wie wollen wir leben? Los geht's mit frischen Ideen für eine neue Zukunft. 100 Seiten voller Aufbruch nachhaltig gedruckt oder als ePaper digital lesbar.

SEKEM bei der Wüstenbegrünung unterstützen: pivot.sekem.com
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deutschland.sekem.com/mitmachen
Pressekontakt SEKEM Europe:
E-Mail christine.arlt@sekem.com
Telefon +49 (0) 177 29 34 356

Online-Quellen & weiterführende Links

https://maas-mag.de/produkt/no-20-aufbruch/ www.sekem.com

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