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Anita Maasgepostet am: 18 mai 2023

Von der Form zum Klang - Dem Menschen eine Stimme geben

Geigenbauer Martin Schleske

Inspirierendes Wissen

Als Geigenbauer ist es meine Aufgabe, dem Musiker eine Stimme zu geben. Im Grunde ist es bedeutungslos, ob der Musiker eine Geige in seinen Händen hält, es könnte ebenso eine Oboe, ein Cello, eine Trompete, eine Klarinette oder ein Klavier sein, denn es ist immer das Gleiche: Es ist der Gesang der Seele, der auf dem Instrument hörbar wird. Musiker wollen auf ihrem Instrument singen. Ein begnadeter Geiger, der in der Berliner Philharmonie auf einer meiner soeben fertiggestellten Geigen das 2. Violinkonzert von Nicolò Paganini gespielt hatte, kam aufgekratzt in meine Werkstatt zurück und sagte: »In den hohen Lagen war es nicht mehr wie Geige zu spielen, sondern wie Singen.« Er beschrieb, was er erlebt hatte, und sagte am Ende: »Du hast mir meine Stimme gegeben!« In diesen besonderen Phasen hatte er das

Gefühl: »Nicht ich spiele das Instrument, sondern das Instrument spielt mich. Ich werde gespielt.«

Vielleicht ist es gerade diese Erfahrung, die uns sagt, was es heißt, »Person« zu sein. Das Wort kommt von »per« (hindurch) und »sonum« (klingen): Was kommt durch dich zum Klingen? Was strahlt dein Leben durch jenen geheimnisvollen Resonanzboden aus, den die spirituellen Traditionen von jeher das »Herz des Menschen« nennen? Es ist der Ort, an dem wir für unterschiedlichste Kräfte anregbar sind – für Gutes wie für Böses. Es ist der heilige Ort, an dem eine Klangeinstellung nötig und möglich ist.

Wie die Resonanzen des Instrumentes die Anregungen des Musikers aufnehmen und in Klang verwandeln, so ist auch das Herz des Menschen: Es ist nicht der Ort des Intellekts, sondern der Innigkeit. Hier werden all die Wahrheiten »verinnerlicht«, aus denen wir leben. Ebendies steckt ja im Wort »beherzigen«. Etwas zu beherzigen, ist vielleicht das schönste Wort für glauben. Denn es bedeutet, dass wir den Dingen, die wir erkannt haben, in unserem Herzen und unserem Handeln Raum geben. Hier kommt es also zur »inneren Musik« des Menschen.

Die Fähigkeit zum Hören und zur Stille sind die beiden wesentlichen Voraussetzungen eines guten Geigenbauers. Es sind für mich zwei Formen der gelebten Spiritualität, denn im Hören und in der Stille werden wir empfänglich sein. Einer vom Ego aufgeblasenen Spiritualität geht es vor allem darum, großartige Erfahrungen zu erleben. Einem von Gott erfüllten Leben aber geht es darum, die eigene Berufung zu leben. Wenn wir empfänglich für die Wahrheit Gottes sind, werden wir immer hören, wer wir sind und was wir sollen.

Selbstbewusstsein und Sinnbewusstsein

Das gewaltigste Selbstbewusstsein, in dem ein Mensch leben kann, heißt: Ich bin geliebt. Dem aber soll ein Sinnbewusstsein zur Seite treten. Es heißt: Ich bin berufen. Mit anderen Worten: »Du bist« und »Du sollst«. Das sind die beiden Grundworte unseres Daseins. Sie beruhen im Tiefsten auf Gnade. Erst in diesen beiden Worten – »geliebt« und »berufen« – begreifen wir den Logos unseres Daseins. Die wesentlichen Dinge müssen geläutert werden. Doch dazu müssen sie aus dem harten Gestein unseres Ichs herausgeschmolzen werden. Nur die Liebe hat die dazu nötige Glut. Das bloße Ich-Sein ist die Entscheidung, in sich selbst zu verarmen. Es ist die Entscheidung, von einer Berufung nichts wissen zu wollen. Wir spüren diese Armut und erfahren sie im Miteinander.

Die Armut an Lebenssinn wird zur Gier nach Lebensmitteln. Die Armut an Gewissheit wird zur Gier nach Sicherheit. Die Armut an Vollmacht wird zur Gier nach Macht. Die Armut an Charisma wird zur Gier nach Kompetenz. Die Armut an Anerkennung wird zur Gier nach Beifall.

Die Reihe ließe sich mühelos fortsetzen. Wir bereichern uns an dieser Welt ja nur im Maß unserer inneren Armut. Da verweigert sich der Mensch der Läuterung und betäubt den entstehenden Schmerz der Sinnlosigkeit: Wer es in sich nicht hat, wird es draußen vergeblich suchen! In dieser äußeren Suche überhitzen wir die Welt und machen sie zur Hure – als seien die Dinge, von denen wir leben, je käuflich. In der verzweifelt selbstsüchtigen Suche geben wir den falschen Dingen Gewicht. Das berühmte Gleichnis des Tschuang-Tse (ca. 300 v. Chr.) vom Fährmann endet mit dem Satz:

»Und wer dem Äußeren Gewicht gibt, der wird im Inneren hilflos sein.«

Tabgha, am Nordufer des Sees Genezareth. Im Morgengrauen in dieser Höhle am Fuß des Berges der Seligpreisungen mit Blick nach Südosten über den See Genezareth. Die Wolken beginnen im Sonnenaufgang rosa zu leuchten. Beten heißt warten und verweilen, es heißt, gemeinsam mit Gott zu schweigen und diese Zeitlosigkeit über alles zu lieben. Es ist die Liebe der gemeinsamen Gegenwart. Unter mir das Plätschern eines Zuflusses, der den See mit Wasser speist. Es hat über Nacht geregnet. Die Vögel sind längst wach. In der Höhle Reste von Kerzen. Fadenförmig ziehen Schwärme von Kormoranen nach Westen über den See. Die aufbrechende Natur feiert das Leben. Es tut der Seele gut. Sie nimmt Anteil an diesem Leben aus Gott. Wenn unserem Leben die Stille fehlt, wird unsere Seele dem Druck der Welt nicht standhalten und unsere Alltage werden fragen: Gott, wo bist du?

Stille

Ich glaube, die wundervollste Form des Betens ist, wenn wir das schweigende Gebet erlernen. Es bedeutet nicht, dass wir nichts sagen, sondern dass wir Gott wortlos unser Herz zuneigen. Man merkt einer Seele an, ob sie weiß, was Stille vor Gott bedeutet.

Was ist die heilige Stille? Es bedeutet, wunschlos in Gott zu ruhen. Da wird unsere Seele in einen Raum wunschlosen Vertrauens geführt. Wir müssen nicht leer werden, müssen nicht loslassen. Der Raum ist nicht leer, er ist erfüllt. In der heiligen Stille wird das Gebot zur Erfahrung, es wird ganz von selbst erfüllt:

»Du sollst den Ewigen, deinen Gott, lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft.« Wenn Gottes Gegenwart uns einnimmt, uns in diese Stille hineinnimmt, wünschen wir nichts. Dann sagt meine Seele: »Ich wünsche nichts, denn ich habe alles.«

Was einzig geschieht, ist, dass wir liebend eins werden mit dem Namen Gottes, der heißt: Ich bin da. Da ruht die Seele in einer großen Stille, alles wird still in diesem wunschlosen Glück. Die Seele wird gestillt von einer alles umhüllenden, liebenden Gegenwart. Darum heißt es in einem der Psalmen:

»Kehre zurück, meine Seele, in deine Ruhe, denn der Ewige hat dir Gutes getan.« 

Von der Form zum Klang

Neben der liebenden Stille ist eine zweite Herzensform des Gebets das innere Hören. »Hört, so werdet ihr leben«, sagt der Prophet Jesaja. Das innere Hören ist eine wesentliche Bedingung im Werdegang der Geige. Ich höre den Klang vor meinem inneren Ohr längst, bevor das Instrument fertig ist. Dieses innere Hören begleitet das Werden; nur so weiß ich, welche Form das Holz bekommen soll. Das Augenscheinliche meines Schaffens ist eine hölzerne Form, eigentlich aber rufe ich Klang ins Leben. Die Form wird in Klang verwandelt, sie wird in Musik transformiert. Unsere äußeren 
Augen sehen das Augenscheinliche. Das Instrument aber ist mehr. Es ist nicht sichtbares Holz, sondern wirksamer Klang.

Ist diese Erfahrung nicht auch ein Gleichnis für den Menschen selbst, der nicht nur etwas Augenscheinliches ist? Jeder Mensch hat seinen Klang: Wir bestehen nicht nur aus sichtbarer Materie, sondern haben auf eine rätselhafte Weise Bewusstsein. Das ruft die staunende Frage wach: Wie kommt das Bewusstsein in die Materie? Unser Gehirn ist nicht nur denkendes Fleisch, sondern wirkender und selbstbewusster Geist. Und wir sind fähig, diese Tatsache zu reflektieren. Unser Bewusstsein ist dem denkenden Gehirn anvertraut wie der Klang dem schwingenden Holz. Wir sind – wie die Urgeschichte der Bibel es in einem hebräischen Wortspiel sagt – »Adam« (der Mensch) geschaffen aus »Adama« (Lehm vom Acker). Das ist die Spannung zwischen Klang und Form. Die Schöpfungsgeschichte beschreibt das Geheimnis, dass bewusstseinslose physikalische Teilchen und bewusstseinslose chemische Prozesse bewussten Geist entstehen lassen können. Wer darüber nicht staunt, der hat darüber vermutlich nie nachgedacht!

»Da machte Gott, der Ewige, den Menschen aus Erde vom Acker und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen.« 

Du bist aus »Adama« geschaffen und bist dir doch dessen bewusst, dass du mehr als ein Materieklumpen bist. Adam, Mensch, du bringst Kunst und Wissenschaft hervor; empfindest Liebe und Hoffnung; leidest unter deiner Begrenztheit und Endlichkeit. Du bist fähig, eine Symphonie zu komponieren, und schaffst aus Steuergeldern das Orchester, das sie spielt. Du empfindest Angst und Glück, bist fähig zur Sünde wie zur Treue. Du fragst dich, wer du bist und was du sollst; du fragst dich, was du giltst, und stellst dich selbst in Frage.

Du sendest deinen Geist zur Erforschung in die Welt und bleibst doch – wie sehr du dich beim Denken auch beobachten magst – dir selbst ein Rätsel. Und was kommt durch den Glauben erst hinzu – jenes geheimnisvolle Feuer des menschlichen Bewusstseins! Die Welt ist durch Kräfte geformt; das Bewusstsein aber ist uns eingehaucht. Lehm vom Acker, Geist aus Odem. Form und Klang

Martin Schleske ist Geigenbauer und Dipl.-Physik-Ingenieur. Etwa dreißig Instrumente verlassen jährlich sein Meisteratelier. Die New York Times und das Strad Magazin London nannten Schleske »einen der führenden Geigenbauer unserer Zeit«. Er arbeitet mit seinen Mitarbeitern in einem 700 Jahre alten Werkstatthaus in der historischen Altstadt von Landsberg am Lech. Sein Buch »Der Klang – Vom unerhörten Sinn des Lebens« wurde als Spiegel-Bestseller in mehrere Sprachen übersetzt.

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Online-Quellen & weiterführende Links

https://www.schleske.de/ https://maas-mag.de/produkt/no-19-spiritualitaet/

Literaturempfehlungen

Der Klang- Vom unerhörten Sinn des Lebens

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