Foto: "Christmas" von Monika auf Pixabay

Living Earthgepostet am: 11 de enero de 2023

DER STERN DER WEIHNACHT

Ein Märchen von Tine Luise Schmiedel

Inspirierende Geschichte

Frieda stand am Fenster und schaute dem Flockenwirbel zu. Langsam wurde es dämmerig im Garten und die Lichterketten auf den Tannen gingen an.
„Wie wunderschön die Flöckchen tanzen“, dachte Frieda und ahmte das sachte Hinabschweben und durch die Luft taumeln der Schneeflocken nach.
„Dieses Weihnachten will ich für Mama, Papa und Florian Sterne basteln, damit sie sich daran erinnern, welche funkelnden, großen Lichter wir sind. Die drei haben nämlich völlig vergessen, wie wunderschön sie sind.“
Frieda lief in die Küche und fragte ihre Mama, ob sie buntes, glitzerndes Papier hätte. Diese überlegte kurz und gab Frieda einen ganzen Korb mit langen Rollen von Geschenkpapier. „Schau mal, hier findest du bestimmt das passende Papier“, sagte die Mama. „Was willst du denn damit machen?“ „Weihnachtsüberraschungen! Mehr darf ich nicht verraten.“ Frieda schaute sehr geheimnisvoll und zog sich mit dem großen Korb voller Papierstangen in ihr Zimmer zurück. Sie schlug ihr Bastelbuch auf und suchte sich einen Stern zum Falten aus, welcher ihr am besten gefiel.
Während sie so dasaß und ein wunderschönes Regenbogenglitzerpapier schnitt und faltete, klopfte es plötzlich an die Tür.
Frieda schaute verwundert von ihrer Arbeit auf. Das Klopfen klang zart und vorsichtig. „So haben Mama, Papa oder Florian noch nie an meine Tür geklopft. Ich bin jetzt sehr gespannt wer mein Gast sein will.“
Ebenso zart flüsterte Frieda: „Herein!“ Niemand öffnete die Tür. Hatte sie sich das Klopfen nur eingebildet? Frieda wartete eine Weile und lauschte in die Stille. Dann stand sie auf und guckte nach, ob jemand vor ihrer Tür stand.
Oh wie wundervoll berührt war sie, als sie eine Fee vor ihrer Tür stehen sah. Jedenfalls glaubte Frieda, dass es eine Fee sein musste, denn sie sah ganz durchscheinend aus und trug ein rosafarbenes Kleid, das schimmerte wie durchsichtiges Perlmutt. „Guten Tag“ sagte Frieda höflich und wusste vor Staunen nicht weiter. „Guten Tag“, sagte die kleine Gestalt und lächelte Frieda herzlich an. Das kindlich gutmütige Gesicht des unerwarteten Besuches weckte Vertrauen in Frieda und so antwortete diese: „Komm bitte herein, ich bastle gerade Sterne. Aber das dürfen die anderen nicht wissen.“
„Keine Sorge, ich werde es niemandem verraten.“ Die kleine Gestalt trat ins Kinderzimmer. Dann blickte sie Frieda geradewegs in die Augen und sagte mit großer Liebe: „Ich brauche deine Hilfe.“
Die Bitte landete ohne Umwege direkt in Friedas Herz und noch ehe sie auf die Idee kam zu fragen, worum es eigentlich ging, wusste sie, dass sie der kleinen Fee helfen würde. Frieda nickte wortlos und setzte sich in den Schneidersitz vor ihren zauberhaften Gast. „Ich bin keine Fee liebe Frieda.“ „Nein?“ fragte Frieda schüchtern nach, die ahnte, dass die kleine Frau Gedanken lesen konnte.
„Ich heiße Elsabelle und komme aus dem Reich der Gnome, Zwerge, Elfen, Undinen, Einhörner und Drachen.“ „ Ich dachte Feen sehen so aus wie du.“
„Feen sind im Allgemeinen größer und ehrfürchtiger. Mein Papa ist ein Zwerg und meine Mama eine Elfe. Mein Opa war ein Kobold und meine Oma eine Undine. Ich trage also die verschiedensten Wesensanteile in mir. Wie in der Natur, besteht das Leben in mir aus dem Elementen Wasser, Luft, Feuer, Erde und Metall.“
„Hammer! Dann bist du ja aus Sternenstaub, genau wie ich!“ freute sich Frieda und klatschte in die Hände. „Ich habe nämlich gelernt, dass alle Elemente von den Sternen ausgebrütet werden. Wenn sie irgendwann explodieren und durch das Weltall fliegen, können aus ihnen neue Planeten und neues Leben entstehen. So ist jedes Kohlenstoffatom und jedes Sauerstoffatom in meinem Körper aus Sternenstaub. Ich bin also ein Stern. Ist das bei dir auch so?“
„Nein mein Schatz. Wir haben uns vor vielen Jahren aus der materiellen Ebene der Menschen, Tiere, Pflanzen und Steine zurückgezogen und sind seither nur noch immateriell.“
„Was heißt das?“ wollte Frieda wissen.
„Dass nur du mich hören, sehen und fühlen kannst. Deine Eltern und dein großer Bruder würden sich schwerlich mit mir unterhalten können, weil unsere Welt ihnen, wie hinter einer Wand, verschlossen bleibt. Für sie sind wir unsichtbar, weil unsere Körper zwar feinstofflich aus den Elementen der Natur bestehen, doch auf der grobstofflichen, dreidimensionalen Ebene können wir keine Körper sichtbar machen.“
„Würdet ihr das denn wollen?“
„Nein. Wir wollen nicht auf die Ebene der Dualität von Gut und Böse hinabsteigen, in der ihr noch immer größtenteils lebt. Unsere Erfahrungen mit den Menschen haben uns eines Besseren belehrt. Einst lebten wir in Frieden und Eintracht mit den Menschen zusammen. Unsere Hilfe und Freundschaft wurde hoch geschätzt, denn die Menschen wussten sehr wohl, dass sie ohne uns keinen Schutz vor den Elementen der Natur hatten.
Wir kümmerten uns um ein harmonisches Zusammenspiel der Elemente: schönes Wetter, ertragreiche Ernten, sauberes Wasser, glückliche Pflanzen und friedliche Tiere...
Doch irgendwann verloren die Menschen ihre innere Verbundenheit mit dem Licht in sich. Sie spürten ihre Liebe nicht mehr. Sie wurden kaltherzig, brutal und ängstlich. Da begannen sie sich zu streiten, jagten und töteten die Einhörner und verloren jeglichen Respekt vor uns und dem Leben.
Egal wie sehr wir uns bemühten die Menschen wieder an ihre Allverbundenheit zu erinnern, der Schatten der Trennung war stärker und zwang uns in den Rückzug. So blieb auf Erden die traurige Erinnerung von ausgerotteten Einhörnern und Drachen und der verlorenen Freundschaft zwischen Menschen und Naturwesen. Zwar helfen wir euch noch immer und gehen unserer Bestimmung nach, doch tun wir unsere Arbeit größtenteils unbemerkt vor den Menschen. Wie wenig Bewusstsein ist in euch für unsere Hilfe und Unterstützung. Das möchten wir ändern. Aus diesem Grund, liebe Frieda, bin ich heute hier und bitte dich um Hilfe.“

Frieda schaute das durchscheinende Wesen mit offenem Herzen an.
„Sehr gerne will ich dir helfen. Und wie kann ich das tun?“
„Menschen wie du, die mit dem Licht in sich verbunden sind und uns wahrnehmen können, bitten wir um Hilfe, die Grenzen zwischen der Menschenwelt und den Reichen der Naturwesen aufzulösen, damit wir uns wieder befreunden können und das alte Kriegsbeil begraben.“
„Ja gerne. Doch ich habe gar keine Ahnung wie man diese Grenze auflöst.“
„Durch deine Liebe.“
Frieda zog die Stirn in Falten und überlegte.
„Wie soll das denn gehen?“
„Erzähle deiner Familie und Freunden von dem Licht das sie sind. Erzähle ihnen von uns und unserem Wunsch nach der großen Einheit zwischen allen Lebensformen. Deine Sterne, die du bastelst, sind ein wunderbares Symbol für diese Friedensbotschaft.“ Die kleine Waldfrau nahm einen der Papiersterne in die Hände und segnete ihn. Frieda schaute aufmerksam hin. Dann nahm sie ebenfalls einen Stern und sprach, wie ihr freundlicher Besuch es getan hatte.
„Kleiner Stern, himmlischer Bote, überbringe zum Weihnachtsfest die glückselige Erinnerung daran, wer wir alle in Wahrheit sind.“
Frieda sah, wie ihrem Gast Tränen in den Augen standen.
„Danke“, sagte Elsabelle leise und breitete ihre Arme aus. Frieda verstand, dass Elsabelle sie umarmen wollte. Doch wie sollte das gehen? Dazu war sie viel zu klein. Also nahm Frieda die zarte Gestalt auf ihre Hand und hob diese vor ihren Kopf. Frieda schloss die Augen und spürte wie Elsabelle zärtlich ihr Gesicht umarmte. Tiefe Liebe und Dankbarkeit strömten durch Frieda. Jetzt hatte sie keinen Zweifel mehr, dass es gelingen würde, die Menschen wieder mit den Naturwesen zu befreunden.

Am Heiligen Abend nahm Frieda ihre gesegneten Glitzersterne und legte sie vorsichtig in ihren Rock. Zur festlichen Musik, die im Wohnzimmer spielte, trat Frieda in den von Kerzen erleuchteten Raum und stellte sich direkt vor den Weihnachtsbaum.
„Bist du Sterntaler“, frage der Papa neugierig, der die bunten Sterne in Friedas Rock sah. Frieda schwieg und lächelte geheimnisvoll. „Ich glaube sie ist der Weihnachtsengel, der uns beschenken will“, mutmaßte die Mama.
„Hauptsache sie fängt nicht an zu singen“, brummte ihr Bruder Florian und bekam gleich einen grimmigen Blick von Opa Anton zugeworfen, der gerade auf die Idee kam, diesen heiligen Augenblick mit einem schönen Weihnachtslied zu würdigen.
Da hob Oma Mira schon den Kopf von ihrer Stickerei und sang laut los: „Kommet ihr Hirten, ihr Männer und Frauen. Kommet das liebliche Christkind zu schauen.“
„Nee, das Christkind ist sie auch nicht, das war definitiv männlich“, kommentierte Florin den Gesang seiner Oma, als hätte diese ebenfalls einen Ratebeitrag abgegeben, um wen es sich bei dem kleinen Mädchen vor ihnen handeln könnte. Die Eltern und Opa Anton stimmten in den Gesang der Oma ein. Frieda blickte währenddessen, jedem ihrer Familienmitglieder von Herzen in die Augen.
Als das Lied zu Ende war, nahm Frieda einen Stern aus ihrem Rock und hielt ihn hoch. „Ich bin gekommen um euch die frohe Botschaft der Sterne zu bringen. In unserem Herzen und in jeder unserer Zellen leuchtet und klingt das Licht der Quelle. Jeder riesige Stern, jedes winzige Atom schwingt in Harmonie mit der Schöpfung.“
„Eh krass! Bekommen wir jetzt einen spirituellen Physikvortrag?“, maulte Florian und guckte gelangweilt auf sein Handy.
„Leg das Ding weg und lausche deiner Schwester“, sagte der Papa ernsthaft mit demonstrativ hochgezogenen Augenbrauen.
„Puh“, stöhnte Florian und warf das Handy ebenso demonstrativ ins Hundekörbchen. Zum Glück lag Aika wie ein Wolkenschaf aus weißen Locken neben Frida und guckte nur kurz auf, was da in ihr Bett flog.
Frieda atmete tief ein und sagte: „Nur der menschliche Geist ist in den Unfrieden geraten und hat das Licht der Liebe in sich ausgeknipst. Wir tun uns selber weh und wissen nicht mehr welches große Licht wir eigentlich sind. Aber wir werden gerufen. Wir werden erinnert. Die Naturwesen wollen sich wieder mit uns befreunden und zusammenarbeiten. Alle Tiere, Pflanzen, Steine und Elemente sind unsere Brüder und Schwestern, die sich nach uns sehnen. Das ganze Leben ruft uns und erinnert uns an unsere Essenz. Wir alle sind aus Sternenstaub. Wir alle sind dasselbe eine Bewusstsein. Deshalb schenke ich euch diese Glitzersterne als Erinnerung an euch selbst.“
Frieda legte nun jedem Familienmitglied einen Stern auf den Schoß. Verwundert und berührt von Friedas Worten schwiegen sie eine Weile.
„Wer hat dir denn so was zugeflüstert?“, wollte der Opa wissen, der sich als Erster traute, das Schweigen zu brechen. Frieda überlegte einen Moment dann antwortete sie: „Ich habe gelernt mit allen Lebensformen zu kommunizieren. Sie sprechen alle dieselbe Herzenssprache, die uns von Gott gegeben wurde.“
„Kann ich sie auch lernen?“, fragte die Mama und sah dabei sehr interessiert aus.
„Natürlich! Jeder kann diese Sprache lernen, denn sie ist uns ja angeboren. Wir haben sie nur vergessen, weil wir diese vielen Kopfsprachen als Babys lernen mussten und dabei ganz vergaßen wie es ist, mit Elfen, Kobolden, Drachen und Feen, Schmetterlingen, Bäumen, Blumen, Sternen und der Quelle zu sprechen.“
„Mein kleines, weises Sterntalerkind“, sagte der Papa voller Liebe und bedankte sich mit einer innigen Umarmung bei Frieda für den gebastelten Zauberstern. Auch die anderen bedankten sich und stellten Frieda noch so einige Fragen über Sternenstaub, Herzsprache und Naturwesen.
Es wurde ein sehr harmonischer Heiliger Abend. Sogar Florian sang seinen neuen, selbst komponierten Song und spielte dazu auf seiner Gitarre.
Dem Opa ging der flotte Rhythmus in die Beine, die das Stillsitzen kaum noch aushalten konnten. „Komm Mira!“ Er sprang auf und reichte der Oma seine Hände. Diese grinste ihn belustigt an und ließ sich von ihm aus dem Korbstuhl hieven. Schon reckten und streckten sich die alten Körper zur Musik und tanzten bald so ausgelassen durch den Raum, dass es eine Freude war ihnen zuzusehen. „Sehr gut Junge, mehr davon!“, tönte Opa Anton mit seiner tiefen Stimme und klatschte in die Hände.
„Zugabe! Zugabe!“, riefen auch Mama und Papa, die ebenfalls klatschten und sich über ihren selbstbewussten Sohn freuten. War es Friedas Stern oder die unerwartete Freude der Familie über seine Musik? Florian spürte, wie sein Herz ganz weit wurde und er sich ohne Scham und Scheu mit seiner Lieblingsmusik zeigten konnte. Oh, war er glücklich und stolz, wie er seine Eltern und Großeltern zu seiner neumodischen Herzensmusik um den Weihnachtsbaum tanzen sah.
Am Abend vor dem Schlafengehen nahm er seine kleine Schwester in die Arme und sagte liebevoll: „Danke Frieda. Deine Sterne haben, glaube ich, wirklich einen Zauber in sich. So angenommen und beschenkt habe ich mich noch nie zu Weihnachten gefühlt. Nicht mit Geschenken wie Spielen, Klamotten oder Süßigkeiten, sondern mit unsichtbaren Geschenken.“
Frieda kuschelte ihr Gesicht an die große Schulter ihres Bruders und lachte still in sich hinein. Sie dachte an Elsabelle und ihre Worte. Jetzt wusste Frieda wie sie es schaffen konnte der kleinen Waldfrau zu helfen. Sie brauchte nur sie selbst sein und ihr großes Licht strahlen lassen. Dann würden die anderen von selbst sich erinnern an ihre Verbundenheit mit allem was ist und sich mit ihrem individuellen Herzensklang zum Ausdruck bringen. Frieda fühlte in sich und ihrem Bruder, dass offene Herzen keine Mauern haben, die ihnen die Sicht in andere Reiche versperren und Freundschaften unmöglich machen. Sie freute sich schon so darauf, wie die Menschen wieder mit allen Lebensformen in Kontakt kamen und sich von Herz zu Herz austauschten und Freunde wurden. Dieses Weihnachten war wirklich ein neuer Stern geboren worden. „Der Stern der in uns allen ist“, dachte Frieda. „Das heilige Kind ist in jedem von uns.“ Frieda drückte ihren Bruder noch einmal fest an sich und sagte dann: „Ich habe heute zum ersten Mal verstanden, was die eigentliche Botschaft von Weihnachten ist.“
„Ich liebe dich“, flüsterte Florian.
Friedas Herz pochte laut. Sie machte sich aus der Umarmung los und schaute ihren großen Bruder strahlend an.
„Und ich liebe dich.“

Schönwalde, den 19.12.2021 von Tine Luise Schmiedel

Foto: "Fairy" von Anja auf Pixabay

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