Foto: https://unsplash.com/de/@johnschno
Die Schule der Zukunft
Wir wir unsere Kinder auf das Leben vorbereiten können
Inspirierendes Wissen
Die letzten Jahre haben das Leben der meisten auf den Kopf gestellt. Es fällt auf, dass manche Menschen besser mit der ausgelösten Krise der letzten Jahre umgehen konnten und können als andere. Auch bei denselben beruflichen und familiären Umständen sind große Unterschiede in der mentalen Krisen-Fitness erkennbar. Ja, es fällt sogar auf, dass manche diese Krise nutzen, um sich neu zu erfinden, während andere in der Angst versinken, weil sie denken, für den Wandel nicht gut genug zu sein.
Was uns hilft, Krisen zu meistern
Geht man in der Geschichte eines jeden Menschen allerdings zurück, entdeckt man, dass diese Angst, nicht gut genug zu sein, uns nicht in die Wiege gelegt wurde. Hätten wir als Kinder wirklich gedacht, dass wir nicht gut genug sind, würden einige von uns bis heute nicht ihre Muttersprache oder erste erlernte Sprache sprechen und andere würden sich noch immer von ihren Eltern im Kinderwagen herumschieben lassen, weil das Erlernen des aufrechten Ganges für sie zu schwer gewesen wäre.
Als Kinder haben wir die Unsicherheit der neuen Welt mit Neugierde, Lernlust und zähem Dranbleiben gemeistert. Jedes Kind beginnt irgendwann, die wichtigste Frage dieser Welt zu stellen, die uns hilft, alles neu zu denken: WARUM?
»Warum fliegen Bienen so hoch?«, »Warum ist der Elefant grau?«, »Kann ich mal zum Mond fliegen?« sind nur einige der Fragen, die 3-jährige Kinder ständig stellen.
Sehen wir uns die Fakten an, haben wir alles, was wir zum Meistern des echten Lebens voller Unsicherheiten und Überraschungen brauchen, bis ins Kleinkindalter ausgeprägt und bis zur Meisterschaft erlernt:
FEHLERKULTUR
Ein Kind fällt beim Versuch, aufrecht zu gehen, über 50mal am Tag hin und würde niemals jammern, sondern steht wieder auf.
LERNLUST
Jedes Kind lernt, egal wo es geboren wurde, die dort gesprochene Sprache. Ohne Druck, ohne Bewertung und ohne Ausgangssprache im Gepäck.
HINTERFRAGEN
Ja, was Eltern manchmal nervt, ist ein Geschenk in einer Welt, in der sich Dinge immer wieder verändern. Jedes Kind stellt die WARUM-Frage.Wenn wir allerdings all diese Dinge in uns tragen, ja sogar prädestiniert sind, damit die Welt zu erfassen, warum erleben wir dann so viele Erwachsene, die sich dieser Fähigkeiten nicht mehr bewusst sind?
Was die herkömmliche Schule aus Kindern macht
Die Antwort darauf haben wir alle erlebt und mir wurde es nochmal vor Augen geführt, als ich als Lehrer in einem Gymnasium zu arbeiten begann. Kinder schreiben in der Schule einen Test mit 20 Beispielen, bekommen diesen zurück und da steht drauf »4 Fehler«, aber niemand feiert die »16 richtigen« Antworten. Wir lernen recht früh, dass null Fehler sehr gut sind und es besser ist, an den Fehlern zu arbeiten, anstatt sich auf das zu fokussieren, was wir gut können.Wir lernen, dass wir bei den Prüfungen nicht voneinander abschreiben sollen, obwohl in der echten Welt Kollaboration das Hauptwort ist, das die Menschheit zukunftsfit macht.
Ich stelle mir manchmal das absurde Bild eines Teammeetings vor, bei dem ein Unternehmen sehr schnell ein Kundenprojekt fertigstellen muss und die Mitarbeiter gezwungen werden, NICHT zusammenzuarbeiten, sondern bewusst in Silos an ihren Lösungen alleine zu forschen. Solch ein Unternehmen würde wohl in der echten Welt nicht lange überleben, wenn die Mitbewerber durch die Kraft der Kollaboration das Wissen und das Potenzial eines jeden Einzelnen in die Lösung hineinfließen lassen.
Ich habe damals als Lehrer erkannt, dass wir am Anfang des Schulsystems Diamanten reingeben und am Ende lauter gleichförmige Schlüssel erhalten, die in der echten Welt nur in ein Türschloss passen: nämlich das Türschloss zu einer alten Welt der Industrialisierung, in der das Normieren von Menschen gut genug war, um in einer vermeintlich planbaren Arbeitswelt zu bestehen.
Doch die Welt dreht sich weiter und mit ihr die Anforderungen, der Arbeitsmarkt, die Gesellschaft und die Gestaltung der Zukunft. Was sich jedoch institutionell nicht verändert, ist die Schule, sondern vereinzelt beherzte Lehrer*innen und Pädagog*innen, die den Wandel der Zeit beobachten und durch private Extrameilen Jugendliche zukunftsfit machen oder es zumindest versuchen.
So sehr auf der Schule herumgehackt wird, so wunderbar und erschreckend ist sie zugleich: auf der einen Seite ein wunderbarer Ort der Gemeinschaft und Freundschaft – auf der anderen Seite ein Wissenseintrichterungsbetrieb, der sich schwertut, die neuen Anforderungen der Welt mit der Lebenswelt der Jugend zu vereinen.
Den bestehenden Playern im System kann hier niemand einen Vorwurf machen: Lehrer*innen haben selten bis nie Zeit, sich mit neuen Themen auseinander zu setzen und gehirn-gerechte Erkenntnisse überleben selten politische Diskussionen.
Nach über 30 Jahren im Bildungswesen mit verschiedensten Praxisteilen – Schulabbrecher, Uniabsolvent, Konzernmanager, Gymnasiallehrer, Gründer eines Bildungs-Start-ups und heute als Berater für Bildung und Arbeit – weiß ich immer mehr, dass wir Bildung nicht inkrementell, d.h. schrittweise, sondern von Grund auf neu denken müssen.
Nicht als Luftschloss, sondern als radikal notwendige Antwort auf eine Welt, in der aktuell Kinder mit wunderbaren Potenzialen umgepolt werden zu Erwachsenen, die mit den Herausforderungen einer modernen Welt nicht umgehen können.
Welche Fähigkeiten wir brauchen
Die Skills der Zukunft findet man aktuell nicht in den Zeugnissen der Schulen, sondern als Lebenserfahrung in den Gesichtern derjenigen, die herausgefunden haben, wie ein gelungenes Leben funktioniert.
Skills der Zukunft:
NEUGIERDE
KRITISCHES DENKEN
EMPATHIE
ÜBERGREIFENDES DENKEN
DISKUSSIONSFÄHIGKEIT
DRAN BLEIBEN
FRUSTRATIONSTOLERANZ
DANKBARKEIT
ACHTSAME METHODEN DER
EMOTIONSREGULIERUNG
EIGENE IDEEN ENTWICKELN
GEMEINSCHAFTEN LEITEN
ANDERE BEGEISTERN
REALISTISCH TRÄUMEN
VERNETZTES ARBEITEN
VIELFALT ZULASSEN
FÄHIGKEIT, ALTE GLAUBENSSÄTZE
NEU ZU SCHREIBEN
Diese Fähigkeiten werden zwar zunehmend als Fundament der Zukunftsfitness erkannt, aber nirgends gelehrt.
Ein Zukunftsmodell
Spreche ich heute mit Jugendlichen wird recht klar, was diese wirklich wollen: eine Welt, in der sie einfach sie selbst sein können. Ohne Angst, dass sie im System nicht genügen oder erst jemand werden müssen, damit sie gut genug sind. Sie wollen eine Welt, in der sie ihre Träume aussprechen dürfen, ohne dafür belächelt zu werden, und eine Welt, in der sie die Chance bekommen, das zu tun, was sie wirklich wirklich wirklich wollen.Eine Schule, die sie auf ihrem individuellen Weg begleitet, ist das Zukunftsmodell, das immer mehr Menschen fordern werden, weil die Gesellschaft sieht, dass wir in der Schule niemals das gelernt haben, was wir für das echte Leben wirklich brauchen. Es ist sogar so, dass die Krise den Kids mehr über das Leben beigebracht hat, als es die Schule je tun könnte.
Und genau deshalb wird die Schule der Zukunft ein Ort sein, der Menschen – aller Altersklassen – dabei hilft, herauszufinden, wer sie sind und was sie in sich selbst wirklich wollen, und ihnen all das beibringt, was sie brauchen, um ihren Weg zu gehen. Lehrer*innen dieser Schule sind Mentoren und Coaches und beherrschen die Kunst, vorzuleben, was möglich ist, um zu inspirieren, aber auch um Inhalte zu vermitteln, damit die Lernenden wachsen können.
Diese Schule der Zukunft wird nicht aussehen wie eine klassische Schule, sondern dort stattfinden, wo die Lernenden sich wohlfühlen. Sie wird eine Mischung sein aus echter Lebenserfahrung, Community und der Möglichkeit zu lernen, wann es für einen Lernenden selbst am besten ist.
Sie wird das Beste aus der digitalen Welt mit dem Besten der Offline-Welt verbinden und das alles mit einem Ziel: einen Menschen ready zu machen für ein Leben, das dieser am Ende seines Lebens nicht bereut.
STELL DIR VOR, SOLCH EINE SCHULE DES LEBENS WÜRDE ES GEBEN UND DU KÖNNTEST SIE JEDERZEIT BESUCHEN —EGAL WO IN DEINEM LEBEN DU GERADE STEHST. WIE WÄRE DAS?
Dieser Artikel von Ali Mahlodji ist Teil des Maas Magazins No. 20 AUFBRUCH - Wie wollen wir leben? Los geht's mit frischen Ideen für eine neue Zukunft. 100 Seiten voller Aufbruch nachhaltig gedruckt oder als ePaper digital lesbar.
Ali Mahlodji ist Keynote Speaker, Trendforscher beim Zukunftsinstitut und Gründer von whatchado.com. Zudem arbeitet er aktuell an einer Schule, in der man all das lernt, was einem die Schule für das echte Leben niemals beigebracht hat.
Online-Quellen & weiterführende Links
www.ali.do https://www.whatchado.com/de/ https://maas-mag.de/produkt/no-20-aufbruch/