Foto: Iris Kunze
Neue Gemeinschaften zwischen Utopie und gelebter Alternative
Sozial-ökologische Utopien. Diesseits oder jenseits von Wachstum und Kapitalismus?
Inspirierendes Wissen
Ausschitte aus dem Artikel von Iris Kunze über Neue Gemeinschaften zwischen Utopie und gelebter Alternative. In: Görgen, B., Wendt, B. (Hg.): Sozial-ökologische Utopien. Diesseits oder jenseits von Wachstum und Kapitalismus? Oekom Verlag.
In den letzten Dekaden gibt es regelrechte Gründungswellen von Initiativen, die sich eigene Orte schaffen, um ihre Visionen umzusetzen, die nicht länger Utopien bleiben sollen. Sie beginnen, die damit verbundene selbstbestimmte Lebensweise im kleinen Rahmen zu kreieren; sichtbar am Beispiel neu auftauchender Trends wie Selfmade, Sharing Economy, Selbstverwaltung oder Selbstversorgung. Weil man gemeinsam mehr Infrastruktur und Selbstverwaltung aufbauen kann als alleine und weil es um neue Arten des Miteinanders geht, entstehen Gemeinschaftsinitiativen mit Idealen und Visionen für eine sozial-ökologischere Lebensweise wie Co-Working-Spaces, Festival-Projekte, Transition Towns, Verbraucher(innen)-Konsument(inn)en-Netzwerke und Wohnprojekte. Ein intensives Fallbeispiel – weil sie das gesamte Leben von Wohnen, Leben, Arbeiten, Infrastruktur, Wirtschaft, Kultur, Freizeit und teilweise Selbstversorgung in ihr kleines Transformationsexperiment (Kunze 2009) einbeziehen – sind sogenannte intentionale Gemeinschaften (Grundmann et al. 2006; Kunze 2009, 2013; Grundmann & Kunze 2012) und Ökodörfer (Andreas & Wagner 2012; Kunze & Avelino 2015).
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Intentionale Gemeinschaften zeichnen sich dadurch aus, dass sich in ihnen gleichgesinnte Individuen auf gemeinsame Sehnsüchte, Visionen und Grundsätze für das Zusammenleben einigen und sich an einem Ort gemeinsam niederlassen, um dort selbstständig zu leben und zu wirtschaften.
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Aber gerade Initiativen, die gemeinschaftlich wirtschaften und wohnen,
stellen sich in der Umsetzung als herausfordernd dar. Die amerikanische
Gemeinschaftsforscherin Diane Christian (2003) schätzt, dass nur etwa fünf Prozent der gegründeten intentionalen Gemeinschaftsprojekte tatsächlich zur Umsetzung kommen. Der Weg von der Utopie in die Praxis ist also mit vielen Herausforderungen verbunden, die im Folgenden ausgeführt werden.
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Angesichts vieler entmutigender politischer Strukturen und Erzählungen aus den »dominanten Strukturen«, dass ein Einzelner die Welt und Politik von unten kaum ändern kann, können wir hier eine Reihe von eingängigen und berührenden »Wandlungsnarrativen« und Symbolen antreffen, die entsprechende Handlungsimpulse »anfeuern« wie der Schmetterling als Symbol der Transformation oder der Leitspruch »Be the change, you want to see in the world« von Gandhi. Unterstützend für einzelne Gemeinschaften ist die Vernetzung im Global Ecovillage Network (GEN).
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Um die Ideale umzusetzen, werden zunächst Gleichgesinnte und ein Ort gesucht und ein sozialer Nahraum geschaffen, in dem man sich in einem Gemeinschaftsbildungsprozess auf die Umsetzung bestimmter Werte und Praktiken einigt. Dann steht die Gruppe vor der Herausforderung, dies in eine konkret im Alltag lebbare Realität und Struktur zu übersetzen. Zwischenmenschliche Spannungen können aufgrund zahlreicher Themen auftauchen.5 Gerade wenn es um die Umsetzung von Werten geht, liegen unterschiedliche Auslegungen nahe. Deshalb ist es sinnvoll, sich gleich zu Beginn möglichst präzise auf Sinn und Ausrichtung zu einigen, beispielsweise hinsichtlich des Grades der Vergemeinschaftung von Gütern und den damit eng verbundenen Formen des Eigentums und der Entscheidungsstrukturen. Mit einem rechtlichen Rahmen wie einem Verein, einer Stiftung oder Genossenschaft haben sich die Gründungsmitglieder auf Werte – als konkrete Utopie – wie ökologischen Umgang mit dem Land, den Bauten und der Lebensführung und sozial gerechten Zugang zu Wohnraum geeinigt und sichern damit zumindest rechtlich die Umsetzung dieser Werte auf dem gemeinsamen Areal. Damit wird ein Experimentierfeld eröffnet, in dem die Mitglieder die Umsetzung ihrer »utopischen« Ideale ausprobieren und leben können, beispielsweise geteilte Güter, mehr Achtsamkeit in der Kommunikation, mehr herzlicher, gemeinschaftlicher Umgang, oder eine ökologische Lebensweise und Ernährung.
Teilweise revidieren die intentionalen Gemeinschaften über die Jahrzehnte gelebter Praxis ihre Anfangs-Utopien und entwickelt diese weiter, in der Forschung beschrieben als »transformative utopianism« (Lockyer 2007) oder als sozial-ökologisches Transformationsexperiment (Kunze 2009). Starke Veränderungen hin zu »weicheren Utopien«, die sich durch das Aufzeigen eines Weges und durch die Realität bewähren müssen, lassen sich auch an den zu beobachtenden Entwicklungen in der intentionalen Gemeinschaftslandschaft in den letzten Dekaden nachzeichnen. Ein Vergleich zwischen den »Hippie-Kommunen« der 1960er und 1970er Jahre und den heutigen Co-Housing-Projekten und Ökodörfern, zeigt einen Entwicklungstrend hin zu weniger utopisch und dogmatisch anmutenden Idealen, sondern zu mehr pragmatischer Vielfalt innerhalb der Gemeinschaften (McLaughlin et al. 1985).
Außerdem ist eine stärkere Serviceorientierung und Steigerung der Professionalität zu beobachten, nicht zuletzt als Wirtschaftsbetriebe einer solidarischen und »neuen Ökonomie« (Kunze 2019; Longhurst et al. 2016; Kunze & Avelino 2015).
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die Hauptherausforderungen liegen: Beim Erlernen von Gemeinschaftsfähigkeit, Verantwortungsübernahme, Klären von Aufgaben und Rollen und bei der Vereinbarkeit zwischen individueller Freiheit und gemeinschaftlicher Übereinstimmung. So paradox es klingt, dass Menschen, die Gemeinschaft suchen, sich in erster Linie nach einem Rahmen sehnen, in dem sie sich selbstbestimmt entfalten können (Dierschke et al. 2006).
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...die langfristig erfolgreichen Initiativen haben gelernt, dass jeder Einzelne bereit zur Persönlichkeitsentwicklung sein und soziale Kompetenzen entwickeln muss. Um die Gemeinschaft sich gut entwickeln und am Leben zu erhalten, bedarf es einer verstärkten Verantwortungsübernahme der Einzelnen. Man ist gefordert, seine Projektionen auf die Gruppe, seine Wünsche und Ängste zu sich selbst zurückzunehmen und sich damit authentisch zu zeigen (bspw. Peck 2005). Das impliziert auch, sich von alten, ansozialisierten (z.B. neurotischen) Verhaltensmustern zu befreien. Dieser Prozess ist delikat und sensibel, birgt aber das Potential für den Aufbau einer Vertrauensgemeinschaft.
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einer offenen, bisweilen proaktiven Kommunikationskultur können Verbundenheit und Unterstützung bei gleichzeitiger individueller Freiheit entstehen, indem die Einzelnen sozusagen »umsozialisiert« werden und ihre mitfühlende Wahrnehmung und Selbstverantwortung kultivieren und üben können. Dies findet im alltäglichen Umgang seinen Niederschlag:
»Wir reden hier ziemlich offen: wenn ich im Egofilm bin, kriege ich das schnell gesagt. Normal sagt mir das keiner, da kommt dann der Rechtsanwaltsbrief. Aber hier sagen wir uns das, schulen uns: mehr als ich und meine kleine Welt. Es ist ein Schulungsprozess, dass wir uns so etwas sagen können, wertschätzend aus dem Herzen. Wir können die Konsequenzen einander aufzeigen.« (Interview Schloss Tempelhof 6, 2014 Iris Kunze). »[Wichtig ist], im Kontakt zu bleiben, wenn ich nicht deiner Meinung bin, mit dir offen und ehrlich zu kommunizieren. Nicht über dich zu reden, sondern mit dir« (Interview Schloss Tempelhof 4, 2014 Iris Kunze, unveröffentlicht).
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Zusammenfassend lässt sich aus den Beobachtungen schließen, dass je sensibler und gemeinschaftlich intensiver (in sozialer Öffnung und ökonomischer Hinsicht) der Experimentierraum der Gemeinschaft ist, dieser desto klarer geschützt werden muss – sei es eher durch Regeln oder durch das Prüfen der Passung und der Entwicklungsbereitschaft von neuen einstiegsinteressierten Menschen. Da neue Gemeinschaften einen möglichst freien Raum ohne zu viele Regelwerke wünschen, liegt auf dem persönlichen Einstiegsprozess mehr Gewicht. Der Grund für den Schutzraum liegt neben der inneren Verantwortlichkeit auch in der Abgrenzung zu äußeren Strukturen – versuchen die Initiativen doch eigentlich ein Paradox: eine Alternative innerhalb des von ihnen kritisierten Systems der Gesellschaft umzusetzen. Daher braucht die Gruppe in ihren Werten und ihrer Transformationsarbeit eine Art von Schutz, um sich vor der Infiltration nicht nur von dominanten Normen und Strukturen, sondern auch von gegen ihre Werte gerichteten Gesinnungen zu bewahren.
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»Strukturen können für das Individuum von beiden Seiten gesehen werden: Reglementierend oder unterstützend. In der gemeinsamen Ökonomie kann ich sagen: Ich muss all mein Geld abgeben oder ich habe immer Geld. Ich kann überall mitreden, oder es reden mir alle rein.« (Interviewaussage in: Kunze 2009, S. 141)
Als lernende Organisationen durchlaufen die Gemeinschaften in ihrer Entwicklung verschiedene Stadien, die durch interne und externe Spannungen und Herausforderungen wesentlich aufgrund der Ambition eine Utopie zu verwirklichen, angestoßen werden: (1) Gründung, deren Antrieb aus Idealismus und oft einer charismatischen Gründungsperson besteht, (2) Konsolidierung, in der es nötig wird, mehr Professionalität und Strukturen zu entwickeln, (3) Veränderung und Verstetigung, durch Fluktuation von Mitgliedern, die oft zu Differenzierungsprozessen in der Organisation führen und (4) Re-organisation, in der die Verstetigung zu einer Routine geführt haben kann, in der sich die Anfangsintentionen und Ideale verwässern und eine Identitätskrise auslösen kann.
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Neue Gemeinschaften verharren weder paralysiert im utopischen Spanungsfeld, dass das Alte noch nicht vergeht und das Neue noch nicht da ist, noch proklamieren sie große Zukunftsentwürfe. Gerade deshalb finden sich in solchen Gemeinschaftsexperimenten Wege, die zur Lösung aktueller politischer Probleme beitragen können (u.a. Fischer 2017; Andreas & Wagner 2012; Kunze 2018). Sie beginnen das Paradox, im Alten bereits das Neue in ihrem Wirkungshorizont zu leben und dabei kontinuierlich zu experimentieren. In der Praxis der neuen Gemeinschaften wird daher deutlich, dass Methoden, die eine Transformation vom aktuellen Zustand aufzeigen können, mindestens genauso wichtig wie idealistische Utopien werden.