Foto: https://unsplash.com/de/@enginakyurt

Anita Maasgepostet am: 06 de abril de 2023

Das wichtigste Ereignis im Leben ist der Tod

Leben heißt Sterben lernen – eine philosophische Betrachtung & Übung

Inspirierendes Wissen

Ich selbst erinnere mich, wie schmerzhaft es für mich als 14-jähriger Bub gewesen ist, mich nicht von meiner geliebten Großmutter verabschieden zu können. Wir waren in das Krankenhaus gefahren, wo sie, vom Krebs verzehrt und wundgelegen, lebend aufgebahrt lag. Ich gierte danach, sie zu sehen und zu umarmen. Meine Eltern hießen mich jedoch, vor dem Krankenzimmer zu warten. Ich hörte, wie meine Oma sagte: „Harald soll mich so nicht sehen.“ Ich sah, wie sie ihren Kopf zu mir wandte, und für einen Sekundenbruchteil trafen sich unsere Blicke. Zum letzten Mal. Dann fiel die Tür ins Schloss.

Ich musste draußen bleiben. Ein paar Tage danach wurde sie beerdigt. Es war schrecklich für mich. Nicht der Tod an sich, sondern die Unmöglichkeit, mich zu verabschieden. Mir schien ein essenzielles Gebot des Lebens verletzt: das Recht, die ganze Wahrheit zu schauen. „Alles – ob Gebrechen, Krankheit, Wahnsinn oder Tod – hat für das Kind seinen Platz in der Fülle der Schöpfung. Bevor man ihm ihn einprägt, kennt das Kind nicht einmal den Ekel.“ (Christiane Singer) Wir veröden seelisch, wenn wir vom Schatten nichts sehen und den Tod nicht wahrhaben wollen.

Wenn der Tod des Menschen kein Ereignis des Lebens ist, wie sollen dann der Tod von Ideen und lieben Gewohnheiten, die Trennung von Menschen und Gütern, die Umschichtung von Werten und Glauben je möglich sein?

So sieht Sterben heute aus.

„Kaum verstorben, wird der, der noch einen Augenblick zuvor ein achtbarer Mensch war, nun als armer Toter wie ein Bandit aufgefordert, gefälligst zu verschwinden“, alteriert sich die französische Essayistin Christiane Singer, „keine Totenwachen, kein Abschied. Die einzige Schilderung, die von Mund zu Mund fliegen wird, ist der Krankenbericht der physischen Dysfunktionen, der biologischen Pannen, die ihn das Leben gekostet haben. [...] Eine völlig pervertierte [...], unfreiwillig komische Sprache zieht vor das große Ereignis des Todes den Vorhang eines Herzinfarkts.“ Ihr eigenes Sterben hat die an Krebs erkrankte Essayistin später literarisch dokumentiert, das Buch ist posthum unter dem Titel „Alles ist Leben“ erschienen. Für sie war der Tod, zumal der eigene, sehr wohl Ereignis des Lebens, das wichtigste überhaupt.

Sterben üben schafft Freiheit.

„Wenn wir uns vor ihm [dem Tod] ängstigen, wird er zum Quell unaufhörlicher Qualen“, meinte im 16. Jahrhundert Michel de Montaigne. „Das Ziel unserer Laufbahn ist der Tod.“ Daher sollten wir das Sterben einfach üben, weil ja doch alles darauf hinausläuft. Montaigne schlug vor, den Tod seiner stärksten Trumpfkarte zu berauben – der Unheimlichkeit! Das macht man, indem man Umgang mit ihm pflegt, sich an ihn gewöhnt, kleine Tode ausprobiert. „Es ist ungewiss, wo der Tod uns erwartet – erwarten wir ihn überall! Das Vorbedenken des Todes ist Vorbedenken der Freiheit. Wer sterben gelernt hat, hat das Dienen verlernt.“

John Donne, ein Zeitgenosse von William Shakespeare, erklärt im Liebesgedicht mit dem Titel „Song“ seiner Liebsten, dass er durch die Trennung von ihr den Tod einübe. „Da er sterblich sei, sei das sehr angemessen. „Da ich ja doch einmal sterben muss, üb’ ich im Scherz den Tod zum Schein.“ Und an anderer Stelle des Poems erinnert Donne: „Wie schwach ist doch die Menschenkraft: Sie verlängert keine Stunde und bringt auch nicht Verflossenes zurück.“ Wir können also nur im Hier und Jetzt sein und unablässig das Sterben üben, indem wir im Leben durch optionale Tode gehen.

Erst wenn wir zu sterben verstehen, können wir leben! Wenn wir imstande sind, alles gehen zu lassen, können wir auch alles leben, weil es uns nicht mehr bindet. Wenn wir nicht wirklich hingebungsvoll Ja! sagen können zum Loslassen, wird jede Veränderung zum Gaukelspiel. Plus ça change, plus c‘est la même chose, wie ein französisches Sprichwort sagt. Je mehr wir etwas ändern, desto mehr bleibt es dasselbe. Was soll auch sonst passieren, wenn wir uns zwar kraftvoll ändern wollen, zugleich aber mit selber Kraft am Bisherigen festhalten? Wir finden uns erschöpft im immer Selben.

Foto: https://unsplash.com/de/@anniespratt
Foto: https://unsplash.com/de/@heftiba
Foto: https://unsplash.com/de/@lapyrin

Eine kleine Übung

veranschaulicht die Lebenskraft des Todes. Sie wird dir gefallen. Gehe mit einem geliebten oder begehrten Menschen ins Bett und habe Sex. Liebe so, als wäre es das letzte Mal. So, als gingest du danach weg auf eine Expedition, in das Unbekannte.

So als gäbe es kein Morgen. Probiere es aus und prüfe, was es mit dir macht.

Wer angesichts des Todes liebt, liebt tief. Jeder Blick, jede Berührung gewinnt an Intensität. Der Augenblick wird gefeiert. Wir sollten jedes Mal, wenn wir Sex haben, unseres Todes gewahr werden.

Lebe jetzt!

Welch machtvolle Erkenntnis, die auch Apple-Gründer Steve Jobs begleitet hat. In jungen Jahren hatte er eine weise Einsicht: „Wenn du jeden Tag lebst, als wäre es der letzte deines Lebens, dann wird das irgendwann einmal auch so sein.“ Daran ist nicht zu rütteln. Seine Conclusio daraus: „Seit damals schaue ich jeden Tag in den Spiegel und frage mich:

Wenn das der letzte Tag meines Lebens wäre, würde ich das tun, was ich mir gerade vorgenommen habe? Und wenn die Antwort „Nein“ ist, dann weiß ich, ich muss etwas anders machen. Da fällt die Scham und die Angst weg. Du hast nichts zu verlieren angesichts des Todes.“ Jede Handlung gewinnt an Qualität, wenn man sich vorstellt, dass es die letzte des Lebens ist. Stellen wir es uns also vor.

Wann immer eine Entscheidung ansteht, es um Gewichtiges geht und man unschlüssig ist, kann man es machen wie Steve Jobs: Sich vorstellen, es wäre die letzte Handlung des Lebens. Angesichts des Todes handelt man wahrhaftig. Da muss man keinen Zwang und kein Joch mehr anerkennen, sondern kann die Wahrheit und die Freiheit wählen.

„Die Nützlichkeit des Lebens liegt nicht in der Länge, 

die liegt im Gebrauch.“ 

(Michel de Montaigne)

Leben heißt sterben lernen. Installiere daher den Tod als deinen treuesten und wahrhaftigsten Berater an deiner Seite. Kein Buch, kein Therapeut, kein Freund – niemand kann dir so gut raten wie der Tod. Mache dir den Tod zum Coach an deiner Seite. Wann immer etwas von Bedeutung ansteht, stelle dir die Frage:

„Wenn das der letzte Tag meines Lebens wäre, wie würde ich handeln?“ 

Text von Harald Koisser, Auszug (gekürzt) aus dem Buch „Die Kunst, sich zu verändern“, erschienen im Maas Magazin No. 3 Leben und Sterben

Online-Quellen & weiterführende Links

https://maas-mag.de/produkt/epaper-no-3-leben-und-sterben/ www.koisser.at

Literaturempfehlungen

Buchempfehlung

Sponsor:innen dieser Lösung

Werde die/der Erste, die/der diese Lösung sponsert und so die Arbeit dahinter wertschätzt.

Kommentare (0)

Noch keine Kommentare – sei die/der Erste!

Das könnte Dich auch interessieren

Living Earth

CO2 und der geniale und Lebens-wichtige Prozess der Photosynthese

Warum CO2 überlebenswichtig für uns ist

Inspirierendes Wissen
Living Earth

Getoastetes Vielfaltsbrot mit sonnenwarmen Paradeisern

Eine gesunde sommerliche Aromen-Explosion für Paradeisergärtner

Do it yourself
Living Earth

Die fantastische Welt der Pilze und Mykorrhizen im Boden

Das Wood Wide Web - unterirdischer Informations- und Nährstoffaustausch

Inspirierendes Wissen
Shanaya Zeviar

Speisepilze selbst züchten

Frische Pilze das ganze Jahr – nachhaltig, einfach und mit wenig Platz

Inspirierendes Wissen