Das Streichholz und die Kerze
Der Sinn des Lebens liegt in deiner Bestimmung
Inspirierende Geschichte
Das Streichholz und die Kerze
In der Schublade eines großen, alten Schrankes lag eine Kerze. Es war eine sehr schöne Kerze - weiß und gedreht, mit einem Goldfaden, der sich anmutig von unten nach oben in die Windungen schmiegte. Außerdem befand sich die Kerze in einer durchsichtigen Hülle, um sie vor dem Verschmutzen zu schützen-mit einer kleinen rosa Schleife am oberen Ende. Nun lagen in der Schublade noch viele andere Kerzen: Großpackungen Tafelkerzen in verschiedenen Farben, Stumpenkerzen jeder Größe und eine Unmenge von Teelichtern.
Aber die Kerze, deren Geschichte hier erzählt werden soll, war die Schönste von allen-und das wusste sie auch! Deshalb gab sie sich gegenüber den anderen Kerzen stets ein wenig hochmütig. Eines Tages wurde die Kerze aus der Schublade genommen, die Hülle wurde entfernt und sie fand sich in einem gläsernen Kerzenhalter auf einem festlich gedeckten Tisch wieder. Das gefiel der Kerze sehr. In eine solch noble Umgebung passte sie doch viel besser, als in der Dunkelheit mit den vielen gewöhnlichen Kerzen eingesperrt zu sein! Staunend sah sie sich um, bewunderte die funkelnden Gläser, den Strauß weißer Rosen, das glänzende Geschirr welches, wie sie auch, mit einem Goldfaden geschmückt war...Doch noch ehe die Kerze sich an allem sattgesehen hatte, kam eine Streichholzschachtel zum Vorschein, ein Streichholz wurde entnommen und die Kerze überfiel plötzlich eine schreckliche Vorahnung.
„Oh nein!" rief sie und dann, so laut sie nur konnte: „Halt!!" Und tatsächlich- die Zeit blieb stehen und das Streichholz schwebte unschlüssig ein paar Zentimeter vor der Streichholzschachtel. Das Streichholz hatte nun seinerseits Gelegenheit, die Kerze in aller Ruhe anzuschauen.
„Du bist ja wunderschön!" sagte es zu der Kerze, „welch ein Glück, dass ich für dich entbrennen darf!"
Die Kerze fühlte sich geschmeichelt, fragte dann aber doch voller Misstrauen:,,Wie meinst du das mit dem entbrennen?"
„Na, das heißt, dass ich meine hell brennende Flamme auf deinen Docht übertragen werde, damit du deinerseits deine Flamme leuchten lassen kannst" antwortete das Streichholz.
,,Aber das will ich nicht!" rief die Kerze voller Furcht, „dann würde ja das Wachs schmelzen, meine Schönheit würde vergehen und NICHTS würde von mir übrig bleiben!"
Das Streichholz war verwirrt: „Aber das ist doch deine Bestimmung, dafür bist du gemacht."
Doch die Kerze entgegnete:" Du hast doch gerade eben noch selbst gesagt, dass ich wunderschön bin, wie kannst du dann dafür sorgen wollen, dass es damit vorbei ist?!"
Das Streichholz atmete einmal tief ein und gab der Kerze sehr liebevoll und mit einer Weisheit, von der es bis eben selbst nicht wusste, dass es sie besaß folgende Antwort:"Ich verstehe, dass du Angst hast. Aber Du darfst dich von dieser Angst nicht davon abhalten lassen, deiner Bestimmung zu folgen. Denn nur dadurch lebst du wirklich und nur dadurch bekommt dein Leben einen Sinn. Es stimmt, du bist wirklich schön, aber weißt du um wieviel schöner du erst bist, wenn du dein Licht hell leuchten lässt! Weine nicht um das Wachs, welches dadurch vergeht, sondern erfreue dich an dem Licht, welches du in die Welt hinaus sendest! Ich würde dir dabei sehr gern behilflich sein. Das ist meine Bestimmung. Mein Dasein wird nur kurz, aber dafür unglaublich intensiv sein."
Danach war es für eine Weile sehr still. Die Gedanken der Kerze wirbelten durcheinander, aber tief in sich drinnen spürte sie, wie sich langsam etwas löste, wie Ängste und Zweifel einem neuen Gefühl Platz machten- Zuversicht. Und dann war sie bereit. Die Zeit ging weiter, das Streichholz entbrannte heftig für seine Schöne und gab dieses Feuer an die Kerze weiter. Ihre Flamme war zunächst groß und zuckte unruhig hin und her, dann wurde sie noch mal ganz klein, als würden doch noch einmal Zweifel...aber nein- die Flamme richtete sich auf und brannte ruhig und gleichmäßig. Die Kerze gab sich dem Feuer, mit dem sie das Streichholz berührt hatte und dem Schein, den sie jetzt ausstrahlte ganz hin. Sie tauchte den Tisch und die Menschen, die daran saßen in ihr sanftes Licht, ließ Augen leuchten, Haut und Haare schimmern. Sie erfreute sich an allem was sie sah und hörte. Später, der Tisch war abgeräumt, die Kerze aufs Fensterbrett gestellt worden und die Menschen längst zu Bett gegangen, da dachte sie noch einmal an das Streichholz, was es zu ihr gesagt und für sie getan hatte. Dankbarkeit erfüllte die Kerze, ein bisschen Wehmut und eine unbestimmte Sehnsucht. Sie brannte weiter, ruhig und still- ein kleines Licht im Fenster eines Hauses in einer großen Welt. Und sie wurde kleiner und kleiner und in den frühen Morgenstunden, da war alles Wachs aufgebraucht und mit einem kleinen Seufzer erlosch die Flamme und aus dem Docht stieg ein Rauchfaden nach oben.