Karin Neumeyergepostet am: 22 March 2026

Wald oder Forst

Die meisten von uns waren noch nie in einem Wald

Inspirierendes Wissen

Wusstest du, dass unsere "Wälder" genau genommen "Forste" sind?
Und dass du wahrscheinlich noch nie in einem natürlichen Wald gewesen bist?

Was ist ein natürlicher Wald? Warum ist es so wichtig, dass unsere Wälder wieder natürlich werden? Und was ist der Unterschied zwischen Wald und Forst?

Der Hauptunterschied zwischen Wald und Forst liegt im Grad der menschlichen Bewirtschaftung. Ein Wald ist ein natürliches Ökosystem, das sich weitgehend selbst, also ohne direkten menschlichen Einfluss entwickelt, während ein Forst eine forstwirtschaftliche Plantage ist, die primär auf Holzproduktion, Artenzusammensetzung und Struktur durch den Menschen ausgelegt ist. Kurz zusammengefasst:

Natürlicher Wald:

  • Wächst wie der Name schon sagt natürlich, Artenzusammensetzung durch Standortbedingungen (Boden, Klima).
  • jahrhundertealte Baumriesen neben einjährigen Sämlingen, die Bäume haben verschiedene Altersstufen, es sind verschiedene Baumarten enthalten (Mischwald), ebenso sind viele m³ stehendes und liegendes Totholz (abgestorbene oder teilweise abgestorbene Bäume) vorhanden.
  • er dient als Lebensraum, Ökosystem und zur Erholung. 

Forst (künstlich bewirtschafteter Wald):
  • wurde gepflanzt, oft als Monokultur oder mit wenigen Baumarten, meist Fichten, Kiefern und Eichen.
  • es gibt hauptsächlich gleichaltrige Bestände, klare Linien, wenig bis kaum Totholz.
  • er dient vorwiegend der Holzproduktion. 
Zusammenfassend ist ein Forst ein intensiv genutzter Wald, der als Kulturprodukt eher einer "Baumplantage" ähnelt, während der Wald eher dem natürlichen Ursprung entspricht

Wir befinden uns durch die intensive Nutzung des Forstes, in dem jeder Ast herausgeholt wird um beispielsweise Hackschnitzel zu produzieren, am Weg dorthin, wo in der Vergangenheit durch Streurechen (die Entfernung des Laubes als Einstreu für die Tiere im Stall bzw. als Transferdünger von Wald auf Wiese und Feld) und Glas- und Eisenindustrie unsere Wälder zerstört wurden. Man kann heute noch feststellen, wo zB vpr 70 das Streu aus den Wäldern entfernt wurde. Dort ist heute noch der Holzzuwachs deutlich reduziert.

Was sind die Hauptmerkmale eines natürlichen Waldes?

  • Selbstentwicklung: es gibt keine Bewirtschaftung, keine Pflanzungen und keine Nutzung durch den Menschen.
  • Strukturreichtum: der natürliche Wald besteht aus jungen Bäumen, alten Giganten und abgestorbenen Stämmen.
  • Totholz: Umgefallene und stehende tote Bäume werden nicht entnommen, sondern bleiben liegen und bieten Lebensraum und nährstoffquelle für Insekten, Pilze und Vögel.
  • Artenvielfalt: Beheimatet eine Vielzahl standortgerechter Pflanzen- und Tierarten.
  • Kreislauf des Lebens: Kranke oder alte Bäume werden nicht entfernt, sondern durch natürliche Prozesse abgebaut. 

Echte, unberührte Naturwälder sind in Mitteleuropa sehr selten, weshalb viele Naturwälder als Schutzgebiete ausgewiesen sind.

Wo gibt es noch natürliche Wälder?

In Österreich
Natürliche Wälder und Urwaldreste in Österreich finden sich hauptsächlich in geschützten alpinen Lagen, insbesondere im Wildnisgebiet Dürrenstein-Lassingtal (NÖ/Stmk) mit dem Rothwald, im Nationalpark Kalkalpen (OÖ) und im Nationalpark Gesäuse (Stmk). Diese Gebiete sind als strenge Schutzgebiete ausgewiesen, in denen sich die Natur ohne menschlichen Eingriff entwickelt. 
Hier sind die wichtigsten Standorte naturbelassener Wälder:

  • Wildnisgebiet Dürrenstein-Lassingtal (NÖ/Steiermark): Beherbergt mit dem "Urwald Rothwald" den einzigen echten Urwald Österreichs.
  • Nationalpark Kalkalpen (Oberösterreich): Der größte zusammenhängende Waldnationalpark Österreichs mit wertvollen Urwaldresten in unzugänglichen Schluchten.
  • Nationalpark Gesäuse (Steiermark): Beinhaltet ursprüngliche Bergwälder, die sich zu sekundären Urwäldern entwickeln.
  • Neuwald am Lahnsattel (Niederösterreich): Ein weiteres bemerkenswertes Urwaldrelikt.
  • Sulzbachtäler (Salzburg): Ein geschütztes Wildnisgebiet im Pinzgau.
  • Biosphärenpark Wienerwald: Beinhaltet naturnahe Laubwälder. 
In diesen Wäldern können natürliche Prozesse ungehindert ablaufen, und sie dienen als Rückzugsorte für seltene Tier- und Pflanzenarten.

In Deutschland
Natürliche Wälder, oft als Prozessschutzgebiete oder "Urwälder von morgen" bezeichnet, finden sich in Deutschland primär in Nationalparks und großen Naturschutzgebieten, wo forstliche Nutzung untersagt ist. Die bekanntesten Gebiete sind der Bayerische Wald, der Nationalpark Hainich (Thüringen), der Harz, der Darßwald (Mecklenburg-Vorpommern) und der Nationalpark Eifel. 
Hier sind die wichtigsten Regionen:

  • Nationalpark Bayerischer Wald (Bayern): Deutschlands erster Nationalpark, der nach dem Motto "Natur Natur sein lassen" bewirtschaftet wird und als Paradebeispiel für entstehenden Urwald gilt.
  • Nationalpark Hainich (Thüringen): Bekannt als der größte zusammenhängende Buchenwald Deutschlands, der sich zum Urwald entwickelt.
  • Nationalpark Eifel (NRW): Ein großes Gebiet, in dem sich insbesondere Buchenwälder und Eichenwälder ungestört entwickeln können.
  • Nationalpark Harz (Niedersachsen/Sachsen-Anhalt): Ein weitläufiges Mittelgebirge mit ausgedehnten, wilden Waldlandschaften und Mooren.
  • Nationale Naturlandschaften & Naturerbeflächen: Gebiete wie die Schorfheide-Chorin (Brandenburg), der Hochwald-Hunsrück, die Königsbrücker Heide und der Schwarzwald bieten ebenfalls weite, naturnahe Waldflächen. 
Diese Wälder sind essenziell für die Biodiversität und bieten Lebensraum für seltene Arten, da alte Bäume und Totholz nicht entfernt werden.

In der Schweiz
Natürliche Wälder und Urwaldüberreste in der Schweiz finden sich vor allem in abgelegenen Alpentälern und Schutzgebieten, darunter der Bödmerenwald (SZ), der Fichtenurwald Scatlè (GR), der Wald von Derborence (VS) sowie der Risoud-Wald (VD). Diese Gebiete zeichnen sich durch fehlende forstwirtschaftliche Nutzung und einen hohen Totholzanteil aus. 
Hier sind einige der bedeutendsten naturnahen Wälder:

  • Bödmerenwald (Schwyz): Einer der größten Fichten-Urwälder der Alpen im Muotatal, bekannt für seine „Urwaldspur“.
  • Fichtenurwald Uaul Scatlè (Graubünden): Liegt oberhalb von Brigels und gilt als höchstgelegener Fichtenurwald Europas.
  • Derborence (Wallis): Ein Urwaldreservat, das durch ein Felssturzgebiet entstand und seit dem 18. Jahrhundert sich selbst überlassen ist.
  • Risoud-Wald (Waadt): Ein riesiges, dichtes Fichtenwaldgebiet im Jura an der Grenze zu Frankreich.
  • Val Cama / Val Leggia (Graubünden): Im Misox gelegen, finden sich hier unberührte, steile Bergwälder.
  • Alte Buchenwälder im Valle di Lodano (Tessin): UNESCO-Weltnaturerbe-würdige Buchenwälder, die naturbelassen sind.
  • Sihlwald (Zürich): Der erste Naturerlebnispark der Schweiz, ein großer Laubmischwald, der sich natürlich entwickeln darf. 
Tipp: Die meisten dieser Wälder sind durch Wanderwege erschlossen, jedoch ist aufgrund der Naturreservate Vorsicht geboten, um die empfindlichen Ökosysteme nicht zu stören.

Europaweit
Natürliche Wälder und Urwaldreste in Europa finden sich vor allem im Osten und Norden sowie in geschützten Gebirgslagen, darunter der Białowieża-Nationalpark (Polen/Belarus), die Karpaten (Rumänien/Slowakei), der Perućica-Urwald in Bosnien, skandinavische Urwälder (Schweden) und kleine Reste wie der Rothwald in Österreich. 
Hier sind die wichtigsten Gebiete:

Diese Wälder sind oft geschützt und nur teilweise oder mit Führungen zugänglich, um den natürlichen Zustand zu bewahren.

Weltweit
Natürliche Wälder, oft als Urwälder oder Primärwälder bezeichnet, finden sich heute überwiegend in unzugänglichen oder geschützten Regionen, wobei sich über 60 % auf Russland, Brasilien und Kanada konzentrieren. Die größten zusammenhängenden Gebiete sind die borealen Nadelwälder (Taiga) in Sibirien und Kanada sowie die tropischen Regenwälder im Amazonas- und Kongobecken. 
Hier sind die wichtigsten Vorkommen natürlicher Wälder weltweit:

  • Boreale Nadelwälder (Taiga): Die größten unberührten Waldgebiete liegen im hohen Norden, erstrecken sich von Alaska über Kanada bis nach Skandinavien und weite Teile Sibiriens.
  • Tropische Regenwälder: Die bedeutendsten Reste liegen im Amazonasbecken (Südamerika), im Kongobecken (Zentralafrika) sowie in Südostasien (z.B. Indonesien) und Neuguinea.
  • Gemäßigte Urwälder: Diese sind sehr selten, existieren aber noch in Restbeständen in den USA, Chile/Patagonien, Tasmanien und den Karpaten (Osteuropa).
  • Urwälder in Europa: Echte Urwälder sind selten. Zu den bekanntesten zählen der Białowieża-Urwald (Polen/Weißrussland) sowie Reste in den Karpaten und den Alpen. 

Warum soll der Wald "natürlich" sein?
Natürliche Wälder sind unverzichtbar, da sie als artenreiche Lebensräume die Biodiversität (Artenvielfalt) sichern, riesige Mengen CO₂ speichern und so den Klimawandel bremsen. Sie produzieren den für den Menschen lebensnotwendigen Sauerstoff, reinigen Wasser und Luft, schützen vor Naturgefahren wie Lawinen und Erosion und dienen dem Menschen als Erholungsraum und als Trinkwasserspeicher.

Hier sind die wichtigsten Gründe im Detail:

  • Klimaschutz & CO₂-Speicher: Natürliche bzw. naturnahe Wälderdienen hocheffizient der Senkung von Kohlenstoff auf der Erde. Besonders alte Bäume und intakte Waldböden sind in der Lage, enorme Mengen an Treibhausgasen zu speichern, was für die Begrenzung der Erderwärumung entscheidend ist.
  • Lebensraum für Biodiversität: Sie beheimaten ca. 80 % aller an Land lebenden Tier- und Pflanzenarten. Totholz und strukturreiche Wälder bieten Nahrung und Unterschlupf für viele, und besonders auch für bedrohte Arten, zb. Schwarzstorch, Schwarzspecht, viele Pilz- und Käferarten).
  • Schutzfunktion: Wälder schützen als „grüne Infrastruktur“ vor Naturgefahren. Wie? Ihre Wurzeln festigen den Boden, verhindern Erosion durch Wasser und Wind, und Gebirgswälder schützen vor Lawinen und Erdrutschen/Muren.
  • Luft- und Wasserreinigung: Bäume filtern Schadstoffe wie Feinstaub, Stickstoffoxide, Ozon, Schwefeldioxid, Kohlenmonoxid, Schwermetalle etc. aus der Luft und erzeugen Sauerstoff. Sie spielen eine Schlüsselrolle im Wasserkreislauf, indem sie Regenwasser aufsaugen, speichern und gereinigt wieder abgeben.
  • Gesundheit & Erholung: Der Aufenthalt im Wald stärkt das menschliche Immunsystem und wirkt stressredizierend.
  • Ressourcenquelle: Naturnahe Wälder liefern nachwachsende Rohstoffe wie Holz und Nahrungsmittel (Pilze, Beeren). 
  • Resilienz: Während intensiv bewirtschaftete Plantagen, sprich Forste, oft anfälliger für Trockenheit, Schädlingsbefall und Feuer sind, sind naturnahe Wälder widerstandsfähiger.

Die Geschichte mit der Fichte
Schon mal in einem Wald gewesen in dem keine Fichten stehen? Selten, oder? Kein Wunder. Zunächst war die Geschichte mit der Fichte eine Erfolgsstory. Die Fichte als Pionierbaumart konnte auf nahezu allen Standorten erfolgreich angepflanzt werden. Vor allem durch die starke Abholzung durch Bergbau, Glas- und Eisenproduktion konnten stark degradierte Flächen mit Fichtenmonokulturen schnell aufgeforstet und dadurch unser erhöhter Bedarf nach Bau- und Energieholz befriedigt werden.
Durch jahrhundertelange Monokultur und verringerte Niederschläge trat eine zunehmende Versauerung des Bodens und somit eine Schwächung des Forstes ein.
Kann sich ein Baum durch mangelndes Wasser und Stress durch verschiedene Umweltfaktoren nicht mehr wehren, ist ein Fichtenmonokultur-Forst ein gefundenes Fressen für den Borkenkäfer.

Fichten gelten im modernen Waldbau oft als problematisch, da sie als Flachwurzler extrem anfällig für Trockenheit und Stürme sind, was durch den Klimawandel verstärkt wird. In Monokulturen gepflanzt, bieten sie ideale Bedingungen für Borkenkäfer, was zu großflächigem Baumsterben führt. Zudem versauern Fichtennadeln den Boden und mindern die Biodiversität.

Was ist der natürliche Lebenraum einer Fichte?
Die Fichte ist auf regelmäßige Niederschläge angewiesen, welche mittlerweile nicht einmal mehr in Hochgebirgslagen gesichert sind. Hochgebirge wären an und für sich der ideale Lebensraum für Fichten (am Besten an Nordhängen, an Südhängen erst ab ca 1500 Meter).

Hier sind die Hauptgründe, warum Fichten (besonders in Monokulturen außerhalb ihrer natürlichen Gebirgslagen) als problematisch gelten:

  • Klimawandel-Empfindlichkeit: Fichten benötigen kühle, feuchte Standorte. Heiße, trockene Sommer, wie sie häufiger auftreten, schwächen die Bäume.
  • Borkenkäfer-Anfälligkeit: Geschwächte Fichten können weniger Harz produzieren, um sich gegen Schädlinge wie den Borkenkäfer zu wehren.
  • Flachwurzler: Aufgrund ihres flachen Wurzelsystems sind Fichten instabil und fallen bei Stürmen schnell um, was zu Windwurfschäden führt.
  • Monokulturen-Risiko: Fichtenreinbestände sind anfällig. Stirbt ein Baum durch Käferbefall, breitet sich der Schaden schnell auf den gesamten Bestand aus.
  • Bodenversauerung: Die Nadelstreu der Fichte zersetzt sich nur langsam und führt zur Versauerung des Waldbodens, was anderen Pflanzenarten das Wachstum erschwert. 

Fazit: Die Fichte ist kein grundsätzlich "schlechter" Baum, aber der großflächige Anbau in nicht geeigneten Lagen (im Flachland) ist aufgrund des Klimawandels riskant. Ein Umbau hin zu klimastabilen Mischwäldern wird daher angestrebt, um die Wälder widerstandsfähiger zu machen.

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