Karin Neumeyergepostet am: 13 March 2023

Gewaltfreie Kommunikation

Lernen wir, bewusster zuzuhören, sorgsamer mit unseren Worten umzugehen und dabei selbst in schwierigen Situationen die richtigen Worte zu finden

Do it yourself

Gewaltfreie Kommunikation, abgekürzt GfK, ist eine von Marshall Rosenberg entwickelte Art des zwischenmenschlichen Miteinanders.

Die "Gewaltfreie Kommunikation" wurde aus dem Gedanken von Ahimsa (Nichtverletzen) entwickelt. Sie beruht auf dem Menschenbild der Humanistischen Psychologie: Alles menschliche Verhalten ist ein Ausdruck von wertzuschätzenden Bedürfnissen und Anliegen.

Und es beruht auf Prämissen der modernen Kommunikationstheorie: Gute Kommunikation kann Missverständnisse vermeiden und für liebevollen, mitfühlenden Umgang der Menschen miteinander führen.

Marshall Rosenberg hat daraus ein System entwickelt, das man erlernen kann, zu dem man Seminare und Ausbildungen besuchen kann. Das System der Gewaltfreien Kommunikation hat sich auch bewährt zur Verbrechensprävention sowie in der Rehabilitation von Straftätern. Besonderen Anklang findet die Gewaltfreie Kommunikation in spirituellen Gemeinschaften und in Yoga-Kreisen.

Praktische Anweisungen

Artikel aus dem Yoga Vidya Journal

(Kommunikation, Englisch: „communication“, kommt aus dem Latein: „Communicare“: teilen, mitteilen, teilnehmen lassen, gemeinsam machen, vereinigen.) Dr. Marshall B. Rosenberg ist momentan weltweit der bekannteste Vertreter der GfK und wer sich tiefer mit dem Thema auseinandersetzen mag, dem ist sein Buch „Gewaltfreie Kommunikation – Eine Sprache des Lebens“ wärmstenszu empfehlen.

Dr. Rosenberg reist seit über 30 Jahren durch die Welt und bringt den Menschen seine bestechend einfachen Kommunikationsregeln näher. Inzwischen gibt es eine große Gefolgschaft und auch jede Menge Bücher und Ausbildungen für GfK.

Erfunden hat der gute Dr. Rosenberg allerdings die GfK und ihre Prinzipien nicht. Wer sich damit auseinandersetzt, kann gut spüren, wie hier sowohl der Geist seines Lehrers Carl Rodgers und der gesamten modernen, humanistischen Psychotherapie als auch Prinzipien aus uralten Philosophien wie dem Dao, Buddhismus, Yoga, Sufismus, Schamanismus etc. zu einer einfachen, praktischen Sprache übersetzt wurden.

Man kann aber wohl sagen, der Begriff „Nonviolent Communication“ und die hierzu entwickelte Kommunikations- und Konfliktlösungsmethode wurden von Dr. Rosenberg entwickelt und verbreitet.

Dr. Rosenberg hat seine Kommunikationsmethode in 4 Schritte eingeteilt:

  • Beobachten, Wahrnehmen (Formuliere ohne zu bewerten/zu beurteilen. Tatsachen/Fakten auf den Tisch legen.)
[Formuliere unabhängig vom Außen! (Ein Bedürfnis ist immer in einem selbst.) Formuliere ohne Vermischung mit einer Strategie zur Befriedigung des Bedürfnisses.]
  • Bitte /Wunsch aussprechen (Formuliere eine oder mehrere Strategien zur Bedürfnisbefriedigung. Ohne zu fordern, also eine echte Bitte mit Platz für ein Ja oder ein Nein!)
Ein Beispiel: Eine Mutter kommt zum dritten Mal diese Woche in das Kinderzimmer und es ist im Chaos. Sie spricht ihren Sohn Paul darauf an. Einen Monat vorher hatten sie klare Absprachen getroffen, dass er sein Zimmer jeden Abend aufräumt.
  • Paul, heute bin ich zum dritten Mal diese Woche morgens in dein Zimmer gekommen und sah jedes Mal deine Spielsachen im ganzen Zimmer verstreut liegen. Dies hatten wir letzten Monat gemeinsam anders abgesprochen. (Falsch wäre z.B.: Paul, jeden morgen ist dein Zimmer im Chaos, du bist ein fauler, unordentlicher Junge.)
  • Ich bin jetzt sehr sauer und verärgert. Außerdem bin ich auchtraurig. (Falsch wäre z.B.: Du machst mich total ärgerlich und mein Magen ist deswegen übersäuert.)
  • Mein Bedürfnis ist es, dass ich ernst genommen werde. (Falsch wäre z.B.: Ich will, dass du Rücksicht nimmst und ich kein Magengeschwür bekomme.)
  • Ich bitte dich, unsere Absprachen einzuhalten. Wenn es dir nicht möglich ist, dann bitte ich dich, neue Absprachen mit mir zu treffen. (Falsch wäre z.B.: Entweder du machst, was wir absprechen oder du kriegst Hausarrest.)
Zu 1) Dies ist eine Herausforderung für die meisten Menschen. Wir sind es von klein auf gewöhnt, dass alle um uns herum ständig Wahrnehmungen /Beobachtungen mit Bewertungen/Urteilen vermischen. Dies nun zu trennen, erfordert ein Höchstmass an Bewusstheit. Gelingt es einem einmal, dies zu tun, kann man an der Reaktion/ am Gesprächsklima merken, wie gut dies ist. Hier erfordert es immer wieder große Geduld und Nachsicht mit sich selbst und anderen.Die buddhistische Vipassana-Meditation ist übrigens ein super Werkzeug, reine Wahrnehmung/Beobachtung zu trainieren. Dies ist ein lebenslanger Weg!

Zu 2) Körpergefühle und echte Gefühle von so genannten „Pseudogefühlen und Interpretationen“ unterscheiden zu lernen und diese korrekt auszudrücken, ist auch nicht gerade eine leichte Übung. Es reicht hier nicht aus, „Du-Botschaften“ in „Ich-Botschaften“ umzuwandeln. Also wenn ich zum Beispiel anstatt „Du bist ungerecht“ sage: „Ich fühle mich ungerecht behandelt“, dann ist das zwar ganz nett, weil ich dann den Zeigefinger nicht so direkt auf mein Gegenüber richte, aber im Sinne der GfK ist dies nicht OK. „Ich fühle mich ungerecht behandelt“ ist kein Gefühl, sondern eine Interpretation und außerdem drückt es implizit eine Anschuldigung aus. Hier ist also gefragt, wirklich bei sich zu bleiben und sein Körpergefühl / Gefühl auszudrücken.
Also zum Beispiel, „mein Bauch schmerzt“ oder „ich habe kalte Füße“ oder„ ich bin wütend“ oder „ich bin sehr traurig“ oder „ich bin voller Freude“. Hier ist es also wichtig, eine Aussage über sich selbst zu treffen, ohne eine Verwicklung mit dem Gegenüber. Wichtig ist hier also ein Trennen von mir und meinem Gegenüber, eine Trennung von „Meins und Deins“! Stichwort: „Bei mir bleiben“, dies gilt auch für Punkt 3

Zu 3) Ein Bedürfnis ist genau wie ein Gedanke oder ein Gefühl etwas, was in mir ist und unabhängig vom Außen. Hierfür muss für viele Menschen auch erst ein Verständnis wachsen. Wenn ich die volle Verantwortung für mein Innenleben übernehme, dann bin ich frei und unabhängig. Und dann kann ich selbst für meine Bedürfnisse sorgen und mehrere Strategien für meine Bedürfnisbefriedigung entwickeln. Wenn ich aber Bedürfnis und Strategie vermische, dann bin ich abhängig von dieser einen Strategie. Hier gilt es erwachsen zu werden und die Position des abhängigenKindes zu verlassen. Dann kann ich mich selbst um mein inneres Kind und dessen Bedürfnisse kümmern.
Also wenn ich zum Beispiel mein Bedürfnis nach menschlicher Nähe auf eine Person fixiere, dann bin ich dieser Person "ausgeliefert“ und mache sie verantwortlich für mein Bedürfnis nach Nähe. Kann/will mir diese Person diese Nähe geben, dann habe ich Glück, ansonsten habe ich Unglück/Leid. Meine Bedürfnisbefriedigung ist also allein abhängig von dieser fixierten Person. Und diese Person ist damit unter Druck gesetzt, da sie von mir verantwortlich gemacht wird. Gelingt es mir aber zu spüren, dass ich ein grundsätzliches Bedürfnis nach menschlicher Nähe habe, dann kann ich dies grundsätzlich und allgemein formulieren und mir nun mehrere „Strategien“ zur Erfüllung meines Bedürfnisses formulieren. Sprich, ich kann all meinen Freunden mein Bedürfnis nach Nähe mitteilen und dann zu Punkt 4 kommen, nämlich mehrere Bitten/Wünsche auszusprechen. Der Druck/die Verantwortung wird hiermit von der fixierten Person genommen und die Chance zur Erfüllung meines Bedürfnisses erhöht sich ungemein. (Eine Garantie allerdings gibt es auch hier nicht.)

Zu 4) Echte Wünsche/Bitten auszusprechen ist für die meisten Menschen eine unangenehme Sache. Erstens weil man sich damit outet, und zweitens, weil darin natürlich auch die Möglichkeit eines Neins und damit einer Enttäuschung enthalten ist. Ansonsten ist es nämlich eine Forderung. Dies aber ist gerade hier wichtig, dass man wirklich bittet und nicht fordert. Zu lernen, ein Nein zu hören und zu akzeptieren, ist sehr wichtig. Genau wie es wichtig ist, zu lernen, ein Nein auszusprechen. Dies ist die Grundlage für ein wirkliches Ja. Zu lernen, möglichst effektiv zu bitten, ist auch eine erlernbare Kunst. Bitten/Wünsche sind eher erfolgreich, wenn sie konkret, realistisch, positiv und offen sind. So zum Beispiel: „Ich wünsche mir, eine ganze Nacht mit Dir zu verbringen“, anstatt zum Beispiel: „Ich möchte nicht, dass du immer erst um 23:00 Uhr zu mir kommst.“

Gewaltfreie Kommunikation kann man sowohl beim Reden als auch beim Zuhören betreiben und ist auch nicht davon abhängig, ob das Gegenüber nun ebenfalls GfK übt oder nicht.

GfK ist sowohl eine Methode wie auch eine innere Haltung. Natürlich ist es sinnvoll und gut, sich der Technik der GfK anzunehmen, diese zu lernen, zu üben und anzuwenden. Aber wer denkt, er käme dadurch um innere Arbeit, Selbsterfahrung, innerliche Erkenntnis über sich selbst etc. herum, der ist auf dem Holzweg.
Allzu oft begegnen mir Menschen, welche Techniken nahezu perfekt beherrschen und diese fleißig üben und benutzen… und doch, im Kern, im Innern sind sie hart, voller gestauter Aggression, Wut,Gewalt und Kampf, meist ohne dies selbst zu merken. Es fehlt an nötiger Selbsterfahrung, Selbsterkenntnis, Selbstbewusstsein und Selbstliebe.
Wem nutzt es, wenn du perfekt GfK kommunizieren kannst und dabei den Wolf/Schakal in dir nur unterdrückst, ihn wegsperrst, ihn leugnest… wie viel Energie kostet es, wenn man das tut. Und wer denkt, dies ist sinnvoll?
Und so ist der Weg der GfK nur sinnvoll, wenn er gekoppelt wird an Selbsterfahrung, Selbsterkenntnis etc..

GfK kann nur eins von vielen guten Werkzeugen sein, kein schnelles Allheilmittel.
Es gilt weiterhin, der Schlüssel liegt in der Bewusstseinsarbeit. Alles will bewußt gemacht werden. Dieser Prozess braucht Zeit und viele kleine Schritte der Verinnerlichung. Die gewaltfreie innere Haltung ist nicht durch einen schnellen Weg zu erzielen, auf jeden Fall braucht es wie zu jeder Veränderung Zeit, Raum, Geduld, kleine Schritte etc.
Frieden, Glück, Zufriedenheit, Gelassenheit und all die schönen Dinge werden sich im Außen nur soweit manifestieren können, wie sie im Innern entstehen. In meinem Innern, in deinem und dem von allen anderen. Womit wir wieder bei der Eigenliebe wären. Inwieweit kann ich sowohl die Giraffe /das Schaf als auch den Wolf /den Schakal in mir innerlich in die Arme schließen? Was denkst du, welcher Wolf ist friedlicher? Der, den du in das tiefste Verlies deines Unterbewusstseins wegsperrst, weil du in nicht sehen willst… oder der, der einen Platz in deinem Herzen bekommt?
Also wie wäre es, an der innerlichen Kommunikation zu üben, die innerliche Sprache mit sich selbst zu verändern, so dass sie sich gut anfühlt? Alle innerlichen Persönlichkeitsanteile zu Wort kommen zu lassen, nach ihren Bedürfnissen zu schauen etc.. Wer in meinem Inneren setzt sich mit Gewalt gegenüber anderen Persönlichkeitsanteilen durch? Und warum? Und wie könnte es anders/besser ablaufen? Und wer in mir hindert mich daran? Und warum? Neugier/Interesse anstatt Bewertung/Urteil sind gefragt. Wie bei jedem Lernprozess, so gilt also auch hier, lieber langsam kleine Schritte machen, die aber dann echt sind und sich halten können. Im Innern wie im Außen.

Online-Quellen & weiterführende Links

https://wiki.yoga-vidya.de/Gewaltfreie_Kommunikation

Literaturempfehlungen

Gewaltfreie Kommunikation von Marshall B. Rosenberg

Passende Angebote

"Konflikte lösen durch Gewaltfreie Kommunikation" — Marshall B. Rosenberg

Ein Gespräch mit Gabriele Seils

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