Karin Neumeyergepostet am: 22 March 2026

Das Reh ist kein Waldtier

Warum Wild und Wald nicht immer zusammenpassen

Inspirierendes Wissen

Welche Tiere leben im Wald?
Fuchs, Dachs, Wildschwein, Igel, Waldkauz, Hirschkäferm Feuersalamander, Dachs, Reh.... - moment mal - Reh?! Ja, das lernt man doch schon in der Volksschule. Aber stimmt das auch wirklich?
Ist der Wald der natürliche und bevorzugte Lebensraum von Reh und Hirsch?
Nein, das ist tatsächlich er nicht!

Das Reh lebt im Wald, weil es die menschliche Zivilisation dorthin zurückgedrängt hat. Wenn es könnte, würde es auf den Wiesen bzw. Steppen und am Waldrand leben. Denn das Reh ist von Natur aus kein reines Waldtier, sondern ein Offenlandbewohner, der ursprünglich Steppen und strukturreiche Waldränder bevorzugte. Es hält sich primär wegen des durch Jagd bedingten Schutzbedürfnisses und des Nahrungsangebots im Wald auf. Und wohin setzt es seine Kitze? Richtig, bevorzugt in Wiesen, nicht im dichten Wald.

Der ursprünglicher Lebensraum des Rehs ist nicht der Wald, es hat sich nur an das Leben im Unterholz angepasst, bevorzugt jedoch landschaftliche Übergangszonen (Waldränder, Hecken und Feldgehölze). Da auf den Feldern kaum mehr Gehölze vorkommen, kann man mit agroforstlichen Masnnahmen (das Pflanzen von Baumreihen und Hecken auf landwirtschaftlichen Wiesen und Feldern), wieder Lebensräume schaffen, indem sich Rehe, Hasen, Fasane und Rebhühner aufhalten können.

Da das Reh was die Nahrung betrifft ein Selektierer ist, also ein Feinschmecker, sind die Feldfrüchte nicht so gefährdet wie man vielleicht befürchten würde. Rehe haben eine Vorliebe für energiereiche Nahrung wie Knospen, Kräuter und junge Triebe. Das ist typisch für waldrandnahe Habitate ist, nicht für geschlossene Hochwälder.

Rehe setzen ihre Kitze ins hohe Gras bzw in Wiesen statt in den Schutz des Waldes - das dzeigt ihre Anpassung an offeneres Gelände, weshalb sie oft im Frühjahr auf Feldern zu sehen sind.
Erst durch die Bejagung wurde das Reh in die Deckung des Waldes gedrängt, was es heute fälschlicherweise primär als Waldtier erscheinen lässt.

Waldschutz oder Wildschutz?

Wir alle lieben Rehe. Man kann sich schwer vorstellen, dass diese sanften scheuen Tiere irgendwo Schaden anrichten können. Dennoch ist es genau so:
Der Wald muss vor Wild geschützt werden, um eine natürliche Verjüngung zu ermöglichen und den Aufbau klimastabiler Mischwälder zu sichern. Hohe Wildbestände verursachen durch Verbissschäden an jungen Triebspitzen und Schälung an Baumrinden massive Schäden, die das Wachstum verhindern, zu Fäulnis führen und auch die Verjüngung des Waldes, v.a. bei Laubbäumen und Tannen verhindert.

Was am Verhalten des Wildes ist problematisch für den Wald:

  • Verbiss: Abfressen von Trieben und Knospen
  • Fegen: Die Rinde junger Bäume wird beim Abreiben beschädigt, was zum Absterben der Pflanze führen kann. Der Rehbock macht dies, um im Frühjahr einerseits den Bast, die beharrte Haut am Geweih, zu entfernen, und andererseits um sein Revier zu markieren. UND weil sein Instinkt ihm sagt: "hier sind zuviele Bäume für meinen natürlichen Lebensraum - die sollen hier nicht sein - die müssen hier weg".

Für die Forstwirtschaft ist das Fegen problematisch, da die Bäume durch den Rindenverlust geschwächt werden, verbuschen, im Wachstum zurückbleiben oder
absterben. 
Also, das Wild "will" nicht so viele Bäume in seinem Lebensraum. Schon gar keinen Wald.
Eingezäunte Waldstücke zB weisen deutlich höhere Jungbäume auf, da die Rehe dort die Sämlinge nicht abknabbern können.

Hauptgründe für den Schutz des Waldes vor Wild:

  • Sicherung der Waldverjüngung: Insbesondere junge Laubbäume (wie Tanne, Eiche, Buche) sind wertvolle Nahrung für Reh- und Rotwild. Werden diese jungen Triebe verbissen, können die Bäume nicht in die Höhe wachsen, was die Verjüngung des Waldes verhindert.
  • Aufbau klimastabiler Mischwälder: Damit Wälder den Klimawandel überstehen, ist eine Vielfalt an Baumarten notwendig. Wild bevorzugt oft seltene Mischbaumarten gegenüber Fichten, was die Biodiversität im Wald stark verringert.
  • Vermeidung von Wildschäden (Verbiss & Schälen): Verbiss führt zu Zuwachsverlusten, Zwieselbildung (Entstehung einer Astgabel, das mindert den Wert des Holzes) oder dem Absterben der jungen Bäume. Schälung der Rinde bei älteren Bäumen begünstigt Pilzbefall, was die Holzqualität mindert und die Stabilität des Baumes gefährdet.
  • Stabilität des Waldökosystems: Ein zu hoher Wildbestand stört das Gleichgewicht. Der Wald muss vor zu starkem Einfluss geschützt werden, damit er seine Schutzfunktion (Schutz vor Lawinen, Erosionsschutz, Wasserspeicherung) langfristig erfüllen kann. 

Lösungsansätze:
Jetzt kommt das, was keiner hören bzw. wahrhaben will:
Der effektivste Schutz ist eine angepasste Jagd, die den Wildbestand in ein ausgewogenes Verhältnis zu den natürlichen Lebensgrundlagen bringt.
In vielen Gebieten werden auch Schutzzäune, Einzelschutz (Drahtkörbe) oder Verbissschutzanstriche eingesetzt, um junge Kulturen vor Schäden zu bewahren.
Da dies sehr aufwendig und kostspielig ist, und auch nur in begrenzten Gebiten einsetzbar ist, steht es in keinem Verhältnis dazu, den hohen Wildbestand zu rechtfertigen. Die Pflanzen werden bereits im Stadium der Sprossung vom Wild gefressen, zu einem Zeitpunkt, wo man sie durch Maßnahmen wie Verbissschutz etc noch gar nicht schützen kann.
Ist ein Grundstücksbesitzer zugleich Jäger und legt Wert auf einen intakten Forst, ist das beim Betreten des Forsts für den Kenner sofort sichtbar. Dort befinden sich zB Tannen im Alter von 1-2 Jahren im unverbissenen Zustand.

Fazit: um einen gesunden großflächiger Wald mit einem hohen Laubbaum- und Tannenbestand enstehen zu lassen, ist es nötig, die Wildbestände soweit zu reduzieren, dass eine nachhaltige Naturverjüngung gewährleistet werden kann.und VOR ALLEM, das dem Wild auf den Wiesen und Feldern Alternativen als Lebensraum angeboten wird.

Online-Quellen & weiterführende Links

https://www.schutzwald.at/wissen/herausforderungen/wild.html

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