Vor langer Zeit lebte in einem Dorf in China ein alter Mann. Er war sehr, sehr arm, aber selbst Könige waren neidisch auf ihn,
denn er besaß ein wunderschönes weißes Pferd. Könige boten fantastische Summen für das Pferd, aber der Mann sagte stets: «Dieses Pferd ist für mich nicht einfach nur ein Pferd, sondern es ist ein Freund. Wie könnte ich einen Freund verkaufen?»
Obwohl der alte Mann immer wieder schwere Zeiten hatte, verkaufte er doch niemals sein geliebtes Pferd.
Eines Morgens fand er sein Pferd nicht im Stall. Das ganze Dorf versammelte sich und die Leute sagten: «Du dummer alter Mann! Wir haben immer gewusst, dass ein so prächtiges Pferd eines Tages gestohlen würde. Es wäre besser gewesen, es zu verkaufen. Jetzt hast du kein Geld und auch kein Pferd. Welch ein Unglück!»
Der alte Mann blieb ganz ruhig und erwiderte: «Geht nicht so weit, das zu sagen, es sein ein Unglück. Sagt einfach: Das Pferd ist nicht im Stall. Soviel ist Tatsache, alles andere ist Urteil. Ob es ein Unglück ist oder ein Segen - wer weiß das schon?»
Die Leute lachten den Alten aus. Sie hatten schon immer "gewusst", dass er ein bisschen verrückt war.
Nach fünfzehn Tagen ließ sich plötzlich ein brausendes Hufgetrappel hören. Angeführt von dem prächtigen weißen Pferd des alten Mannes galoppierte eine Herde wunderschöner wilder Pferde auf die Wiesen des alten Mannes.
Wieder versammelten sich die Leute und sie sagten: «Alter Mann, du hattest recht. Es war kein Unglück, es hat sich tatsächlich als ein Segen erwiesen.» Der Alte antwortete: «Wieder geht ihr zu weit. Sagt einfach: „Das Pferd ist zurück.“ Wer weiß, ob das ein Segen ist oder nicht? Dies ist nur ein Ereignis in einer endlosen Geschichte. Daraus kann man niemals die ganze Geschichte sehen. Glück oder Unglück – wer weiß das schon? Das Leben geht seinen eigenen Weg.»
Dieses Mal wussten die Leute nicht viel einzuwenden, aber innerlich dachte sie, dass der Alte Unrecht hatte, denn er hatte nun eine Herde herrlicher Pferde.
Der alte Mann hatte einen einzigen gesunden und kraftvollen Sohn, der nun begann, die Wildpferde zu trainieren. Als er das erste Mal versuchte, eines der Pferde zu reiten, stürzte er und brach sich beide Beine.
Wieder versammelten sich die Leute und wieder urteilten sie. Sie sagten: «Wieder hattest du recht! Es war ein Unglück! Dein einziger Sohn hat sich schwer verletzt und er war die einzige Stütze deines Alters. Jetzt bist du ärmer als je zuvor.»
Der Alte runzelte ein wenig die Stirn, sprach dann aber geduldig: „Wieder urteilt ihr. Das Leben besteht aus vielen, vielen kleinen Ereignissen, das Ganze kann man daraus niemals beurteilen. Mein Sohn hat sich die Beine gebrochen – Glück oder Unglück, das wird sich zeigen.“
Tatsächlich nahm die Geschichte wiederum eine Wendung: Es brach ein schrecklicher Krieg aus. Alle jungen Männer des Ortes wurden gezwungen, als Soldaten zu kämpfen Nur der Sohn des alten Mannes blieb zurück, weil er nicht gehen konnte. Der ganze Ort war von Klagen und Wehgeschrei erfüllt, weil dieser Krieg nicht zu gewinnen war und man wusste, dass die meisten der jungen Männer nicht nach Hause zurückkehren würden.
Die Leute kamen zum alten Mann und sagten: «Du hattest Recht, alter Mann – es hat sich als Segen erwiesen. Dein Sohn ist zwar verkrüppelt, aber immerhin ist er noch bei dir. Unsere Söhne sind nun für immer fort.»
Der alte Mann wehrte ab: «Es ist einfach unmöglich, mit euch Leuten zu reden. Ihr könnt es einfach nicht lassen - ewig diese Urteile. Niemand weiß etwas! Sagt doch nur, dass eure Söhne in den Krieg gezogen sind und mein Sohn nicht. Aber ob das nun ein Segen ist, oder ein Unglück, das weiß niemand.
Seither weiß man in diesem Dorf: Was ein Segen ist, kann auch ein Unglück sein. Was wie ein Unglück aussieht, kann auch ein Segen sein.